Stellungnahme: Anthroposophie und Rassismus

Stellungnahme: Anthroposophie und Rassismus

20 Juni 2021 Sebastian Jüngel 6392 mal gesehen

Eine Gruppe der Goetheanum-Leitung hat zur Generalversammlung 2021 am Goethe­anum ein Arbeitspapier ‹Anthroposophie und Rassismus› erstellt.


Das Papier greift Vorwürfe gegenüber Rudolf Steiner und der Anthroposophie auf, rassistisch zu sein. Gerald Häfner, Constanza Kaliks, Peter Selg und Justus Wittich zeichnen die Stellung der Anthroposophie in der Zeit des aufkommenden und umgesetzten Nationalsozialismus in Deutschland nach. Es gab «heftige publizistische und sogar tätliche Angriffe» auf Rudolf Steiner «aus dem völkisch-rechtsnationalen, rassistischen und antisemitischen Lager». In der Nachkriegszeit kamen die Vorwürfe aus politisch linksstehenden Kreisen wegen angeblicher «inhaltlicher und ideologischer Konvergenzen» (Stichwort: ‹Ökofaschismus›) und Kooperation mit dem Nazistaat.

Diese Art von Vorwürfen wird im Papier zurückgewiesen – sie erfolgen nicht aus Erkenntnisinteresse, zumal bestehende Stellungnahmen und Monografien dazu nicht einbezogen werden. Insofern diagnos­tiziert das Papier aktuell «ein strategisches ‹Meinungs- und Empörungsmanagement».

Autonome, selbstwirksame Individualität

Während Rudolf Steiner durchaus biologische, ethnische und kulturelle Einflüsse auf den Menschen benennt, richtete sich sein Hauptaugenmerk auf die «autonome, selbstwirksame Individualität» und ihre Möglichkeit, «biologische, kulturelle und soziale Vorgaben und Rahmenbedingungen» zu «transzendieren» und zu «verwandeln». Eine Kommission um den Menschenrechtsexperten Ted van Baarda (NL) hat im Jahr 2000 einzelne Stellen im Werk Rudolf Steiners identifiziert, die heute rassistisch sind; ein andere Menschen infragestellender (herabmindernder) oder systemischer Rassismus liegt nicht vor.

Die Autorinnen und Autoren des Papiers blicken zugleich selbstkritisch auf die Anthroposophische Gesellschaft, wo sie stark innenorientiert wirkt, und würdigen die nicht zu verkennende Leistung von Mitgliedern gegenüber «schwierigen Umständen und massiven Widerständen». Anthroposophische Praxis ist kosmopolitisches, soziales Engagement.


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Dieser Artikel ist ursprünglich in ‹Anthroposophie weltweit› 5/2021 erschienen.

Bildquelle: James Eades, unsplash.