Atmen in der Klimakrise

Atmen in der Klimakrise

29 Januar 2021 Ueli Hurter 525 mal gesehen

Der Klimawandel, schärfer der Klimabruch, fordert ökologisch, sozial und spirituell heraus. Über diese drei Ebene spricht Ueli Hurter in der fünften Ausgabe des ‹Goetheanum›, und sie sind auch das Thema der Online-Jahrestagung der Landwirtschaftlichen Sektion, die dieses Jahr zusammen mit der Jugendsektion veranstaltet wird.


Die Beschränkungen der zweiten Welle der Coronapandemie greifen erneut tief in Gewohnheiten, stellen Selbstverständliches in Frage. Doch was nicht geschehen sollte, ist, dass sie den Blick auf die Fragen des Klimawandels trüben, dass sie lähmen, die notwendigen mutigen Schritte jetzt zu gehen. Dabei zeigt sich, dass all diese Aufgaben, die Einsicht aller und daraus einen generationsübergreifenden Handlungswillen fordern. Als in der ökologischen Landwirtschaft Verantwortliche fühlen wir diese Herausfordung aus unserem Jungsein und aus unserer landwirtschaftlichen Erfahrung. Die Erde ist ein Lebewesen. Können wir gemeinsam für die fiebernde Erde Perspektiven erschließen für ihre Gesundung? Wie kann die Erde wieder zu Atem kommen in ihrem klimatischen Ein- und Ausatmen mit dem Kosmos?

Kosmischer Geist in irdischer Schönheit

Im Michaelbrief ‹Von der Natur zur Unter-Natur› wird dieses Verhältnis vom Irdischen und Kosmischen angesprochen. Die ursprüngliche Natur, der wir auf der Erde begegnen, ist die Erscheinung des Kosmischen im Irdischen. Gerade in der Fülle der Sinneserscheinungen, in Formen, Farben, Gerüchen und Geschmäckern, zeigt sich das Kosmische. Die duftenden Blüten, die wiederkäuende Kuh, der rauchende Wald und die schimmernde Morgenröte sind kosmische Geistigkeit in irdischer Schönheit. Die Schwere ist irdischen Ursprungs. Solange wir uns im räumlichen Gleichgewicht halten, mit unserer Hände Arbeit die schwere Erde bearbeiten, sind wir in der Realität. Es ist unser Schicksal, wie es im Brief heißt, dieser untersten Schicht der Natur, der Erdennatur, zu begegnen. Dafür kommen wir auf die Erde. Das können wir nur hier erleben, nicht in der geistigen Welt.

Nun ist die Technik entstanden. Sie basiert auf der modernen Naturwissenschaft. Diese ist dadurch modern, dass sie alles Kosmische in ihrem Begreifen der Natur wegschiebt bzw. es durch rein Irdisches erklärt. So sind die Farben Ausdruck von elektromagnetischen Wellen, Geruch und Geschmack kommen von einzelnen Stoffen, die man isolieren und definieren kann. Alle sogenannten sekundären Eigenschaften wie Farben und Gerüche werden auf primäre Eigenschaften, auf das Mess-, Zähl- und Wägbare, zurückgeführt. Dadurch entsteht in unserem wissenschaftlichen Bewusstsein eine zweite Welt, die Welt der physikalischen und chemischen Gesetze, der Atome und Moleküle, des Urknalls und der schwarzen Löcher.

Der Wille materialisiert diese mechanische Welt in der Technik. Die Dampfmaschine funktioniert, später der Verbrennungsmotor, dann der Elektromotor. Wir bewegen uns nicht mehr, wir werden bewegt. Die Glühlampe brennt im Zimmer, dann kommt die Straßenbeleuchtung, bald flimmert der Bildschirm im Wohnzimmer und schon blinkt das Smartphone im hintersten Winkel der Erde. Louis Pasteur entdeckt die Bakterien und erfindet die Pasteurisation, und wenig später wird die Sterilität zur neuen Wirklichkeit in Medizin und Pharmakologie. Die Folge sind alsbald die Antibiotika und aktuell die RNA-basierten Impfstoffe. Der Morseapparat führt zum Telefon, dieses wird digital, und im Web entsteht die weltumspannende virtuelle Realität. Kurz, wir leben in einer durch und durch technischen Welt.

Ahrimans Mechanisierung und Luzifers Umarmung

Rudolf Steiner schrieb in seinen letzen beiden Lebensjahren wie eine Essenz der Anthroposophie 185 Leitsätze mit dazugehörigen Briefen an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. In den letzten Sätzen dieses anthroposophischen Destillats, lenkt er den Blick auf die sich damals anbahnende technisierte Welt. Während man in seinen Vorstellungen noch in der ursprünglichen Natur verhaftet sei, habe sich der Wille längst mit dieser Technikwelt verbunden. An die Stelle der Natur sei diese «Unter-Natur» getreten. Dieses Wort Steiners sollte man nicht moralisch, nicht als etwas Schlechtes verstehen. Rudolf Steiner wandte sich nie gegen Technik, und hier kann man daran erinnern, dass er als Kind auf Bahnhöfen, den technischen Hotspots der 1860/70er-Jahre, groß wurde. Er hat zudem an einer technischen Hochschule studiert und beispielsweise für die Goetheanumbühne die damals modernste Beleuchtungsanlage einbauen lassen. Rudolf Steiner meint mit ‹Unter-Natur› etwas objektiv Reales. Es ist eine zweite Natur entstanden, die rein aus den irdischen Verhältnissen konstituiert ist und daher des kosmischen Anteils der Natur entbehrt – in diesem Sinne ist sie Unter-Natur. Aus der reduktionistischen Naturwissenschaft wird die reduzierte Realität der Technik.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.

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Das Goetheanum · Ausgabe 5 · 29. Januar 2021

Titelbild: Jasminka Bogdanovic, ‹Schnee› (Ausschnitt) Tempera auf Leinwand, 50 × 60 cm, 2012