Wandlungsfähigkeit: Die Figurengruppe ‹Der Menscheitsrepräsentant› im Goetheanum

Wandlungsfähigkeit: Die Figurengruppe ‹Der Menscheitsrepräsentant› im Goetheanum

28 September 2020

Im Goetheanum steht eine mit fast zehn Metern Höhe und bis zu fünfeinhalb Metern Breite monumentale Figurengruppe aus geleimtem Schichtholz. Nun haben 13 Expertinnen und Experten aus Architektur, Kunst, Kunstgeschichte, Medizin, Philosophie und Theologie den zehnjährigen Entstehungsprozess rekonstruiert.


Kaum ein Werk Rudolf Steiners ist durch die Forschungsarbeit zur zehnjährigen Entstehungszeit und Motivik der Figurengruppe so gut dokumentiert. Die Komposition aus ‹Menschheitsrepräsentant› (Christus-Jesus), Ahriman und Luzifer sowie einem Felsenwesen, auch ‹Engel des Humors› genannt, steht seit 2011 unter Denkmalschutz des Kantons Solothurn.

Wie die Ausarbeitung anderer anthroposophischer Ideen ist auch die Figurengruppe ein Werk mehrerer Menschen. Die handwerklich-künstlerische Umsetzung seit 1915 lag in vielen Händen, ob für die Plastelinherstellung oder das Einrichten von Tragegerüsten. Nach dem Vorschnitzen durch Helfende bis auf etwa zwei Zentimeter vor der endgültigen Oberfläche gingen Edith Maryon und Rudolf Steiner ins Detail. Sie konnten das Werk nicht abschließen, weil Edith Maryon 1924 und Rudolf Steiner 1925 verstarben. Seither wurden keine weiteren Schnitzarbeiten vorgenommen. Doch auch unabhängig davon war das Ganze eine Suchbewegung. Manfred von Kries überlieferte als Worte Rudolf Steiners: «Ich weiß, dass alles, was wir hier versucht haben – der ganze Bau, die Deckengemälde, die Glasfenster – ein bescheidener Anfang ist und wie jeder Anfang viele Mängel hat, die wir selbst am besten kennen.» Damit ist angesprochen, dass die Figurengruppe Teil eines umfassenderen Gestaltungszusammenhangs ist. Die Autorinnen und Autoren arbeiten daher das Motiv des Menschheitsrepräsentanten auch in der Deckenmalerei und der farbigen Glasfenster des Großen Saals heraus.

Ihre Beiträge sind mit zahlreichen Zeichnungen und Fotos illustriert. Nach der Restaurierung der Figurengruppe 2009 wurden 2010/11 Fotoaufnahmen gemacht. Dank besonderer Blickwinkel erscheinen die Figuren in ihrer Wandelbarkeit, darunter eine Bilderreihe von Luzifer, der von Bild zu Bild aus seiner Flügelhülle herauszuschauen scheint.


Buch Mirela Faldey und David Hornemann von Laer (Herausgeber): Im Spannungesfeld von Weltenkräften. Der Menschheitsrepräsentant in Rudolf Steiners Skulptur, Malerei und Glasradierung, Verlag am Goetheanum 2020, 536 Seiten, 90 Franken/78 Euro

Web Goetheanum Verlag