Die heilende Wirksamkeit der Anthroposophie

Die heilende Wirksamkeit der Anthroposophie

26 März 2020 | Matthias Girke

Das Gedenken an den 95. Todestag Rudolf Steiners fällt in eine besondere Zeit: Die Menschheit steht in einer pandemischen Bedrohung mit bislang unbekannten Auswirkungen auf die Gesundheit, die Grundrechte des Menschen, die wirtschaftliche Existenz des Einzelnen und die Weltwirtschaft.


Trotz aller Fortschritte der Medizin wird auch ihre Machtlosigkeit deutlich, dieser globalen Herausforderung zu begegnen. Die schnell sich ausbreitende Krankheit des Menschen stellt gegenwärtig die Sorge um die herausfordernde Klimakrise und damit Erkrankung der Erde in den Schatten, obgleich beide nicht unabhängig voneinander sind.

In den Frühlingsbeginn fällt der 100. Geburtstag der Anthroposophischen Medizin. Rudolf Steiner hielt am 21. März 1920 den ersten von zwanzig Vorträgen des Ärztekurses ‹Geisteswissenschaft und Medizin› (1), der die aus der Anthroposophie inspirierte Heilkunst begründete. Damit wurde aus der Anthroposophie als Erkenntnisweg, «der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte» (2), ihre heilende Wirksamkeit entwickelt. In der gegenwärtigen Medizin verfügen wir über Arzneimittel, die sich als ‹konstruierte› Stoffe von der Natur entfernt haben, um spezifische Krankheitsprozesse zu beeinflussen und zu hemmen. Demgegenüber sucht die Arzneimittelentwicklung der Anthroposophischen Medizin die Verbindung zur Natur und zum Kosmos, um daraus ihre Arzneimittel pharmazeutisch zu gewinnen. Der Mensch als Mikrokosmos darf die Unterstützung der heilenden Kräfte durch den Makrokosmos erfahren. In ihm liegen die Hilfen, die der Erkrankte für sein Gesunden braucht und die seine Eigenregulation anregen und fördern. Viele Arzneimittel sind aus der Natur gewonnen. Wir kennen wirksame Heilmittel aus der Pflanzen- und Tierwelt, der Welt der Mineralien und Metalle. Dadurch entwickelt sich nicht nur eine Medizin, die die rationale Verbindung zur Natur sucht und sich in ihrem Heilen an die Kräfte des Makrokosmos wendet, sondern auch eine ökologisch orientierte Pharmazie und Heilkunst: Schließlich wird das Problem der Natur- und Grundwasserbelastung durch den wachsenden Gebrauch chemischer Arzneimittel (Zytostatika, Hormonpräparate, Antibiotika und anderes) unübersehbar. Wir brauchen eine ökologische Wende auch in der Medizin, wie wir sie für andere Bereiche wie zum Beispiel die Landwirtschaft schon lange einfordern.

Erkennen und Heilen

Der anthroposophische Erkenntnisweg möchte das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen. Aber auch das Heilen verbindet den Menschen mit dem Wesen der Welt, des Makrokosmos. Dies gilt nicht nur für Arzneimittel und äußere Anwendungen, sondern in gleichem Maße für die Heileurythmie und die künstlerischen Therapien, in denen Sprache, Musik, Farbe und die Stoffeswelt wirksam werden. Damit wird die Beziehung zwischen dem Erkennen und dem Heilen deutlich: Wir haben die bewusste Erkenntnisaktivität des Menschen und die Wirksamkeit der unter der Schwelle des Bewusstseins erfolgenden Heilungsprozesse zu unterscheiden. Wie Tag und Nacht stehen sich diese Aktivitäten des Menschen gegenüber, zumal sich die Heilungsprozesse besonders im Schlaf – in alten Mysterien im Tempelschlaf – vollziehen.

Erkennen und Heilen stehen nun in einem wesentlichen Zusammenhang. Heilen ist Ausdruck der regenerativ wirksamen Lebenskräfte des Menschen. Hans Jonas hat sie als das «Prinzip Leben» bezeichnet (3), der US-amerikanische Neurologe Alan Shewmon spricht von der integrativen Einheit des Organismus, die ihn regeneriert und erhält (4). Diese Lebenskräfte erfahren eine entscheidende Verwandlung mit der Bewusstseinsentwicklung beim wachenden Menschen. Während sich Leben vor allem im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System entfaltet, kommt es auf der Grundlage des Nerven-Sinnes-Systems zur Bewusstseinsentwicklung. Die Nervenorganisation verfügt nun im Vergleich mit den großen Stoffwechselorganen über keine augenfällige Lebendigkeit, dafür entwickelt sich auf ihrer Grundlage das Bewusstsein.

Lebenskräfte unserer Organisation werden in die Kräfte des Denkens metamorphosiert. Dieser entscheidende Zusammenhang bekommt eine zunehmende Aktualität, zum Beispiel für die kindliche Entwicklung: Die ‹Schulreife› ist die Schwelle, ab der das Kind zu einer ausreichenden Verwandlung dieser Kräfte in der Lage ist und die entsprechende Aufmerksamkeit und Konzentration aufbringen kann. Nun zeigt sich zum Beispiel in der großen von Lewis Terman (5) begonnenen, über mehrere Jahrzehnte und damit von mehreren Forschergenerationen durchgeführten Studie ein Zusammenhang zwischen dem Einschulungsalter und der Lebenszeit: Eine zu frühe Einschulung und damit intellektuelle Bewusstseinsentwicklung geht mit einer Verkürzung der Lebenszeit einher. Die Beziehung des Bewusstseins zum Lebendigen bildet somit eine aktuelle, für nahezu alle Lebensfelder der Anthroposophie aktuelle Forschungsaufgabe.

Mit der wachen Bewusstseinsentwicklung entziehen wir dem Organismus ständig Lebenskräfte und brauchen dadurch den regenerierenden Schlaf. In der Geist- und Seelenfähigkeit liegt somit die Ursache des Erkrankens (6). In der Pflanzenwelt sind diese Lebenskräfte nicht zum Bewusstsein erwacht. Sie können dadurch zu Heilmitteln für den Menschen werden. Daraus ergibt sich der therapeutische Zusammenhang zwischen dem erkrankten Menschen und den Heilungskräften der Naturreiche: Was wir durch unser Bewusstsein unserem Organismus als Lebenskräfte entziehen und ihn dadurch sogar in die Krankheit führen, wird durch die in der Natur wirksamen Lebenskräfte ausgeglichen. Das Geheimnis des Lebendigen, das einmal als ‹Seelenleben›, das andere Mal als organisches Leben erscheint, umgreift den heilenden Zusammenhang zwischen dem Menschen und den Naturreichen.

Leben und Licht

Der beschriebenen Verwandlung des Lebens in die Lichtkräfte des Bewusstseins wird von Rudolf Steiner als die ‹Ätherisation des Blutes› (7) beschrieben. Während die Blutbildung im Knochenmark über eine enorme proliferative Lebendigkeit verfügt (jeden Tag müssen 200 bis 250 Milliarden Erythrozyten gebildet werden), verlieren die reifen roten Blutzellen ihren Zellkern, ihre Teilungsfähigkeit und damit sichtlich an Lebensprozessen, um dann nach durchschnittlich 120 Tagen zu sterben. Im Blut entwickelt sich somit eine fortwährende Opferung von Lebenskräften. Sie verwandeln sich im Bereich des Herzens und seiner Wärme zu Lichtkräften, die im traumhaften Bewusstsein des Fühlens und schließlich – auf der Grundlage des Nerven-Sinnes-Systems – im wachen gedankenklaren Bewusstseinslicht erfahrbar werden. Auf die Beziehung dieses Vorganges zum Auferstehungsmysterium hat Rudolf Steiner hingewiesen (8). Durch ihn ist der Mensch mit dem Mysterium von Golgatha verbunden und kann sein Ich mit dem Welten-Ich vereinen. Diese Bewusstseinsentwicklung charakterisiert den Wachzustand des Menschen; im Schlaf beleuchten die höheren Wesensglieder demgegenüber «sonnenartig» die ätherische Organisation des Menschen und führen hier geistiges Licht in das Leben.

Heilungskräfte durch die Anthroposophie

Das abstrakte, wache und informationshungrige Bewusstsein verbraucht Lebenskräfte. Anders die Meditation, die von einem Leben in Gedanken zu einem Leben in geistiger Wesenheit führen möchte (9). Diese geistige Tätigkeit führt nicht in die ersterbende Bewusstseinswelt, sondern entwickelt geistige Lebenskräfte, die heilend auf den Menschen wirken können. Bereits im Wort ‹Meditation› ist das andere ‹mederi›, also ‹heilen› verborgen, von dem sich der Name ‹Medizin› herleitet. Der Geist kann in der wachen Bewusstseinswelt Lebenskräfte verzehren und dadurch zur Krankheit führen, umgekehrt aber durch die lebendige Tätigkeit des Meditierens auch heilen. Die Entwicklung eines nicht toten und abstrakten, sondern lebendigen Lichtes im Erkennen ist mit der Michael-Wirksamkeit verbunden. Sie führt durch die Sinneserscheinung zum geistig Wesenhaften. Die heilende Wirksamkeit des Geistes steht demgegenüber mit der Raphaelischen Wirksamkeit in Beziehung. So begleiten der Tagesgeist Michael und der stillere ‹Nachtgeist› Raphael (sein Name leitet sich vom hebräischen ‹rafa’› (heilen) und ‹’el› (Gott) ab) die Metamorphose von Leben und Licht.

Heilung der Wesensglieder durch die Anthroposophie

Durch das Erkennen entwickelt sich Licht im Alltagsbewusstsein. Wenn wir etwas noch nicht verstanden oder erkannt haben, stehen wir in einer geistigen Finsternis. Zweifel, manchmal Ratlosigkeit und Sinnsuche fordern uns heraus. Mit dem Erkennen entwickelt sich ein neues Licht, indem etwas ‹einleuchtet› und das Bewusstsein mit neuem Inhalt erfüllt. Aus dem Erleben der Wahrheit entsteht Sicherheit in der Seele. Demgegenüber führen Unsicherheit, Zweifel zu ihrer Kränkung. Die gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Depression als Nacht oder Finsternis der Seele sind zwischenzeitlich gut bekannt. Wenn wir nach den gesundenden Kräften für den astralischen Leib fragen, so liegen sie in der Sicherheit, Sinnfindung und Orientierung, die das Erkennen schenkt. Insofern hat die Wahrheit eine heilende Wirksamkeit, während die Unwahrheit die Seele schwächt und kränkt. Verehrungskräfte der Wahrheit gegenüber, Lebensüberzeugungen, an die wir ‹glauben› können, wirken heilend auf die astralische Organisation.

Durch das Erkennen entsteht nicht nur ein neues Licht im Bewusstsein, sondern auch eine Verbindung zur Welt. Es ist nicht nur eine intellektuelle Tätigkeit, sondern bildet Brücken, verbindet und vereint den Menschen mit der Welt. Im Erkennen unterscheiden wir nicht mehr zwischen Subjekt und Objekt, beides fließt zusammen. Insofern ist die eigentliche Substanz des Erkennens die Liebe, mit der wir uns dem Erkannten verbinden. Unter diesem Aspekt ist die Liebe die ‹Substanz› des Erkennens, die nicht blind, sondern sehend macht, wie es Rudolf Steiner in der ‹Philosophie der Freiheit› ausführte. Liebe wirkt auf die ätherische Organisation und die Lebenskräfte des Menschen und unterstützt ihre Heilungskräfte. Viele Beispiele belegen die heilende Wirksamkeit der Menschenliebe. So stellt soziale Isolation einen Risikofaktor für Herzerkrankungen dar, unaufgelöste Konflikte können zu kardiovaskulären Ereignissen führen; soziale Beziehungen – hier der Beliebtheitsgrad von Kindern – können sich auf ihr längerfristiges Infektionsrisiko auswirken (10) und weisen damit umgekehrt auf die Bedeutung der Liebe als Heilungskraft. Frühkindliche Traumata werden durch Verstehen, Trost und menschliche Wärme in ihren Folgen abgemildert. Auch in der Palliativmedizin haben Interesse und eine warme Beziehung zum Patienten eine große therapeutische Bedeutung.

Schließlich entstehen aus dem Erkennen Kräfte des Mutes und der Hoffnung: Wenn wir von etwas ‹überzeugt› sind, die Notwendigkeit einsehen und aus dieser Erkenntnis heraus handeln, so wachsen Mut und Kräfte für das Handeln. In der Willenstätigkeit des Menschen lebt ein ‹Werden›, sie ist eben noch nicht abgeschlossen, sondern im Prozess der Verwirklichung. Insofern entwickeln sich in einem Handeln aus Erkenntnis Hoffnungskräfte: «dass gut werde, was wir aus Herzen gründen, aus Häuptern zielvoll führen wollen», heißt es entsprechend in der Grundsteinmeditation von Rudolf Steiner (11). Hoffnung hat eine heilende Wirksamkeit auf den physischen Leib. Jedes Heilen braucht Hoffnung. Wenn sich der Patient aufgegeben fühlt, schwinden mit den Hoffnungs- auch seine Gesundungskräfte. Heilerwille ist von Hoffnung erfüllt und unterstützt den Patienten im Gesunden.

Hieraus entwickelt Rudolf Steiner einen wesentlichen Zusammenhang, den man das Hauptgesetz der therapeutischen Beziehung nennen kann. «Wenn der Kranke einfach durch die Individualität des Arztes dahin gebracht wird, dass er empfindet, wie der Arzt vom Heilwillen durchsetzt ist, so gibt das beim Kranken einen Reflex, der dann vom Gesundwerdewillen durchsetzt wird. Dieses von Heilwillen und Gesundwerdewillen spielt eine ungeheuer große Rolle in der Therapie, sodass man schon sagen kann: da ist schon ein Abbild darinnen des Pädagogischen, und im Pädagogischen wieder ein Abbild vom Heilen.» (12)

Damit ist die Anthroposophie auf der einen Seite ein Erkenntnisweg des Menschen, der ihn zum Geistigen des Weltalls führen möchte, auf der anderen hat sie eine heilende Wirksamkeit auf Seele und Leib. Im Jahr des 100. Geburtstags der Anthroposophischen Medizin ist die heilende Wirksamkeit der Anthroposophie von besonderer Bedeutung. Sie möge hereinstrahlen in das nächste Jahrhundert der durch die Anthroposophie befruchteten Heilkunst.


(1) Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft und Medizin (GA 312), 2020.
(2) Rudolf Steiner: Anthroposophische Leitsätze (GA 26), 1998, 1. Leitsatz.
(3) Hans Jonas: Das Prinzip Leben. Ansätze zu einer philosophischen Biologie, 1997.
(4) Alan Shewmon: The brain and somatic integration: Insights into the standard biological rationale for equating ‹brain death› with death, in: ‹Journal of Medicine and Philosophy› 2001; 26(5). S. 457-478.
(5) H. Friedmann und L. Martin: Die Long-Life Formel, 2012.
(6) Rudolf Steiner und Ita Wegman: Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst (GA 27), zweites Kapitel.
(7) Rudolf Steiner: Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit (GA 130), 1995, Vortrag vom 1. Oktober 1911.
(8) Rudolf Steiner: Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit (GA 130), 1995, Vortrag vom 1. Oktober 1911.
(9) Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (GA 10), 1993.
(10) V.S. Ulset, N. O. Czajkowski, B. Kraft, P. Kraft, E. Wikenius, T. H. Kleppestø, M. Bekkhus: Are unpopular children more likely to get sick? Longitudinal links between popularity and infectious diseases in early childhood, in: PLoS One. 2019 Sep 10;14(9):e0222222. doi: 10.1371/journal.pone.0222222. eCollection 2019.
(11) Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24 (GA 260), 1994, Grundsteinlegung am 25. Dezember 1923.
(12) Rudolf Steiner: Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst (GA 316), 2008, Vortrag vom 25. April 1924.