Dreigliederung als Kunst der Zusammenarbeit

Dreigliederung als Kunst der Zusammenarbeit

02 September 2020 | Sebastian Jüngel

Für Walter Kugler ist es gemeinschaftsbildend, wenn Menschen beim Angehen gesellschaftlicher Aufgaben zusammenwirken. Je nach Lebensgebiet gelten dabei spezifische Bedingungen – doch immer geht es um die an den Prozessen teilhabenden Menschen.


Weltweit ist zu erleben, wie das Verhältnis zwischen individuellen Bedürfnissen und Zusammenleben neu ausgehandelt wird. Walter Kugler, vormaliger langjähriger Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs in Dornach, Schweiz, erschließt Grundgedanken von Rudolf Steiner für eine ‹Dreigliederung des sozialen Organismus›, durch die die Qualitäten des Individuums mit den in Gemeinschaften wirkenden Interessen und Bedürfnissen in Zusammenklang gebracht werden sollen.

In innovativen Ideenbildungen im 17./18. Jahrhundert bis zu Joseph Beuys als Sozialvisionär erscheint schon früh die Idee einer Drei­gliederung etwa in Begriff und Praxis der sich herausbildenden Gewaltenteilung von Legislative, Judikative und Exekutive beziehungsweise in der Unterscheidung von Wirtschaft, Recht und Kultur. «Die soziale Dreigliederung muss nicht erfunden werden. Sie ist da, schon immer, jedoch in verzerrter, pathologischer Form», so Walter Kugler. Um die jetzigen Zustände zu ‹therapieren›, sei nicht einfach von einem für alles und jeden Menschen gültigen Rezept auszugehen, sondern dem Zusammenwirken konkreter Menschen in einer bestimmten Situation zu vertrauen: Soziale Fragen sind eine Gemeinschaftsaufgabe.

Fallen Ideen und Lebenspraxis auseinander, besteht die Gefahr sozialer Konflikte. «Um den Frieden zu halten, braucht man Ideen, sonst kommen Kriege und Revolutionen», so Rudolf Steiner am 24. November 1918. Dabei geht es nicht um eine illusionäre soziale Harmonie, sondern um eine produktive Auseinandersetzung, um Konzepte immer wieder neu auszuhandeln, weil sich im Sozialen mit den Menschen auch deren Verhältnisse untereinander ändern.

Walter Kugler erweckt die Impulse und Intentionen Rudolf Steiners auf Grundlage ihrer Entstehungsbedingungen zum Leben – erscheinen Widersprüche, werden sie benannt, beispielsweise als Ausdruck der Beweglichkeit Rudolf Steiners.


Buch Walter Kugler: Dreigliederung. Die Kunst der Zusammenarbeit, Verlag am Goetheanum, Dornach 2020, 292 Seiten, 20 Euro/24 Franken

Web Verlag am Goetheanum