Einer modernen Gesellschaft angehören

Einer modernen Gesellschaft angehören

28 Januar 2020 | Sebastian Jüngel

Spanien ist geschichtlich ein umkämpftes Gebiet mit autonomen Regionen; zugleich war Spanien selbst kolonialistisch aktiv. Heute ist die Identität seiner Bevölkerung von der Verbindung verschiedener Kultureinflüsse geprägt. Seit Mai 2019 ist der Arzt Florencio Herrero Landesrepräsentant der Anthroposophischen Gesellschaft in Spanien.


Sebastian Jüngel: Stierkampf, Flamenco und die Oper ‹Carmen› – was an Spanien ist spanisch?

Florencio Herrero:
Sie nennen künstlerische Ausdrucksformen, die wir so und anders in Spanien finden. Vielleicht ist das authentische Merkmal der spanischen Seele, ihre innere Welt durch Kunst auszudrücken.

Tor nach Europa

Jüngel: Was macht Spanien im Laufe seiner Geschichte zu einem umkämpften Gebiet?

Herrero
: Spanien nimmt einen strategischen Platz im Mittelmeer ein – mit vielen Kilometern Küste und damit sehr offen und für die Außenwelt durchlässig. Dies hat dazu beigetragen, dass es für andere Kulturen und Religionen ein Tor nach Europa ist, auch für Flüchtlinge, hauptsächlich aus Afrika. Römer, Religionen wie Katholizismus und Islam oder die Militärdiktatur haben einen lähmenden Einfluss auf die Entwicklung der Seele des spanischen Volkes ausgeübt. Die positive Antwort darauf war eine Fusion vor allem künstlerisch in Bereichen wie Architektur, Malerei, Skulptur und Musik.

Jüngel: Was ermöglicht den Zusammenhalt?

Herrero: In erster Linie geht es darum, die genannte Fusion als eine seelisch-geistige Identität des Landes zu erkennen, dann zu beobachten und hervorzuheben, wie die schöpferische Fähigkeit der Seele differenziert wird und sich in einer Vielzahl von Möglichkeiten geografisch, historisch, sprachlich, kulturell und dergleichen manifestiert.

Jüngel
: Gibt es durch die Weltsprache Spanisch das Gefühl einer Art Verwandtschaft zu spanischsprachigen Ländern?

Herrero
: Ja, durch die Beziehung zwischen der spanischen Sprache und Literatur. Daher finden wir in vielen lateinamerikanischen Ländern gute und anerkannte Schriftsteller, auch mit Nobelpreisen ausgezeichnete. Wenn wir das universellste Werk der spanischen Literatur ‹Don Quixote de la Mancha› von Cervantes wählen, sehen wir zwei polare Charaktere in allen Aspekten und wie durch den Dialog zwischen den beiden Charak­teren ein Gleichgewicht entsteht – ein Vorbild für das gesellschaftliche Leben.

Jüngel
: Welche Art ‹natürlicher› Spiritualität in Spanien nehmen Sie wahr?

Herrero
: In Spanien war der Katholizismus die einzige offizielle Religion. Andere Re­ligionen wurden von der katholischen Kirche bekämpft. Es gibt jedoch kleine Beispiele für das Zusammenleben von Katholizismus, Judentum und Islam, wie es in Toledo im Mittelalter der Fall war. In diesem Zusammenhang sind die Mystik und die Mystikerin Teresa de Ávila zu erwähnen, die Rudolf Steiner als eine der ersten Vertreterinnen der Bewusstseinsseele nennt. Heute herrscht der Laizismus vor, obwohl es auch eine Polarisierung gibt zwischen denen, die eine Spiritualität – auf Grundlage östlicher Methoden, Buddhismus, Hinduismus, Yoga – suchen, und denen, die dem Materialismus folgen.

Verantwortungsbewusste Individualität

Jüngel: Welchen Beitrag liefert da die Anthroposophie?

Herrero
: Anthroposophie ist erst spät – nach den 1970er-Jahren – in Spanien bekannt geworden; die Phase von Franco und des sozialen und spirituellen Totalitarismus, der durch das politische Regime repräsentiert wurde, musste erst beendet werden. Der Beitrag der Anthroposophie ist die Entwicklung einer freien und verantwortungsbewussten Individualität, mit der man sich in Solidarität mit der Umwelt verbinden kann.

Jüngel
: Wo ist die Anthroposophie ‹stark›?

Herrero
: Die Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft in Spanien war langsam, aber es gibt – trotz vieler Schwierigkeiten – heute Zweige und Arbeitsgruppen in vielen Städten sowie drei anthroposophische Kulturzentren. Für die anthroposophische Bewegung ist die Waldorfpädagogik das aktivste Feld; wichtig sind auch die biodynamische Landwirtschaft – Spanien ist landwirtschaftlich geprägt – und die Anthroposophische Medizin, obwohl wir jetzt schwierige Zeiten durchleben, etwa wegen der Schließung des Labors der Weleda oder die Kampagne zur Diskreditierung der Komplementärmedizin.

Überwindung der Fragmentierung

Jüngel: In welcher Situation erfuhren Sie davon, Landesrepräsentant der Anthroposophischen Gesellschaft in Spanien zu werden?

Herrero
: Vorher war ich schon Vorstandsmitglied und Präsident. Ich habe auch immer eine Beziehung zum Goetheanum und zu seinen Vertretern gepflegt. Als Arzt war ich immer in Kontakt mit der Medizinischen Sektion. In Spanien hatte ich aus verschiedenen Gründen die Gelegenheit, durch das ganze Land zu reisen. Seit Mai 2019 habe ich wieder das Vertrauen der Mitglieder der Landesgesellschaft erhalten, ein Team zu bilden, das sich für die Entwicklung der Anthroposophie und der anthroposophischen Bewegung in Spanien einsetzt.

Jüngel
: Wenn die Anthroposophische Gesellschaft in Spanien Ihr Patient wäre, was würden Sie ihr sagen?

Herrero: Ein immer wieder aktuelles Problem und womöglich das drängendste ist die Fragmentierung von anthroposophischer Bewegung und Gesellschaft. Obwohl sie mittlerweile in Spanien Wurzeln geschlagen haben, braucht es meiner Meinung nach mehr Zusammenhalt und Kooperation.

Jüngel
: Welche Aufgaben haben Sie sich vorgenommen?

Herrero
: In Übereinstimmung mit dieser Diagnose hat sich der aktuelle Vorstand zum Ziel gesetzt, das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer modernen Gemeinschaft zu fördern, die im Dienste der Menschen und der heutigen Problemlösungen stehen will. Wir fördern dies durch Treffen mit aktiven Mitgliedern und Vertretern der verschiedenen Gruppen sowie durch Arbeitstreffen mit den anthroposophischen Berufsverbänden.

Jüngel
: Sie selbst sind auf Youtube präsent. Wie bringen wir den anthroposophischen Impuls in die Welt?

Herrero
: Eine Frage, die wir uns stellen: Wie visualisieren wir anthroposophische Aktivitäten? Wie finden die Anthroposophie diejenigen, die eine bewusste Spiritualität suchen, besonders in einem Land, in dem sie noch wenig bekannt ist? Wir müssen versuchen, den anthroposophischen Impuls durch alle Medienformen bekannt zu machen.


Web www.sociedadantroposofica.com

Korrigendum (18.2.2020):
Florencio Herrero wurde in ‹Anthroposophie weltweit› Nr. 1–2/2020 als neuer Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Spanien vorgestellt. Richtiger gewesen wäre ‹Landesvertreter› (alte Sprechweise) oder ‹Landesrepräsentant› (neue Sprechweise). Oben wurde dies angepasst. | Sebastian Jüngel