Es geht!

Es geht!

19 März 2021 253 mal gesehen

Einen Monat nach der Tagung der Jugendsektion und der Sektion für Landwirtschaft zum Thema ‹Atmen mit der Klimakrise› schildern die Verantwortlichen in ‹Das Goetheanum› ihre Erfahrungen mit dieser aus den Beschränkungen der Corona-Krise gewonnenen Form einer digitalen Großveranstaltung. Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Wie sind eure Erfahrungen?

Constanza Kaliks
Wir Verantwortlichen der Tagung saßen am Rand der Bühne und konnten so die gesamte Szene beobachten. Dabei war interessant, wie viele Schichten der Abstraktion zu sehen waren. Du sahst den Filmer, das, was der Kameramann gesehen hat, dann den Ausschnitt auf seinem Bildschirm, die Vortragende und dann auf einem Endgerät in Brasilien das Bild der Sprecherin und ihre Rückmeldung an uns: «Endlich bin ich einmal im Goetheanum!» Das war ein interessanter Widerspruch. Die vielschichtige Abstraktion und gleichzeitig die ganz reale Verbindung eines Menschen vom anderen Ende der Erde mit dem, was hier gerade jetzt geschieht, dieser Widerspruch war physisch greifbar.

Johannes Kronenberg
Im Vorfeld hatten wir die Tagung zeitweise als hybride Veranstaltung geplant, bei der das Publikum sowohl im Saal wie auch weltweit an den Bildschirmen sitzt. Es war für dieses erste Mal gut das das nicht möglich war. Denn so war das Team der Tagung weitgehend anwesend und wir konnten alle Aufmerksamkeit auf die Substanz und deren Vermittlung konzentrieren. Das scheint mir gelungen zu sein. Gleich bei einer ersten Tagung den Spagat mit Publikum vor Ort und Publikum online zu bewältigen, das wäre schwierig geworden.

Wo warst du mit deinem Bewusstsein, als du Charles Eisenstein moderiert hast?

Kronenberg Größtenteils beim Publikum, denn ich habe versucht, mich in all die Menschen hineinzuversetzen, die ihn noch nicht kennen. Dann habe ich die Rückfragen im Chat verfolgt. Die haben allerdings eine Verzögerung, denn jemand hört Eisenstein zu, entwickelt dabei eine Frage, sucht nach einer Formulierung und bis er sie eingetippt hat, ist der Vortrag oder das Gespräch schon weiter. Es ist deshalb immer eine Frage, wie man diese ‹verspäteten› Voten dann doch noch integrieren kann.

Verena Wahl Dass die Tagung ‹läuft›, dass uns technisch alles gelingt, das habe ich mir vorstellen können, aber nicht, ob es sich tatsächlich wie eine Tagung anfühlen wird. Mein eigenes Gefühl und auch die vielen Rückmeldungen waren dann aber eindeutig: «Es ist eine Tagung!» Dabei hat mich deren Leichtigkeit überrascht.

Ueli Hurter Mir sind drei Dinge aufgefallen: Schluckt jetzt diese ahrimanische Technik all unser inneres Bemühen weg – das habe ich, haben wir uns ja gefragt. Wir wussten es nicht! Schon vor der Tagung haben wir in der Rudolf-Steiner-Halde die Beiträge zu den Michaelbriefen aufgezeichnet. Diese Arbeit an Rudolf Steiners stark kondensierten Texten gehört naturgemäß zu den innerlichsten Momenten unserer Tagung. Die drei Vortragenden hatten sich deshalb mit Recht gefragt, ob diese Beiträge, die ja fast gemeinschaftliche Meditationen sind, über Video aufgezeichnet werden sollen. Die Erfahrung hier: Es geht! Es gab nur sehr wenige Menschen, die das anders beurteilt haben. Interessanterweise war ja die Frage des Umgangs mit der Technik auch der Inhalt des Michaelbriefs ‹Von der Natur zur Unter-Natur›. Somit waren wir mit unserer Tagungssituation in der Corona-Zeit und dieser geisteswissenschaftlichen Betrachtung in voller Übereinstimmung. Das Zweite: Es gab von einigen die Idee, oder vielmehr die Inspiration, dass wir uns auf der Bühne des Goetheanum umdrehen, also nicht in den Saal sprechen, sondern den Saal im Rücken haben. So waren im Hintergrund der Vortragenden immer die farbigen Fenster, die Säulenmotive, zu sehen. Das war großartig! Das erinnerte mich an unsere Tagung vor zehn Jahren mit Nicanor Perlas und Klaus-Otto Scharmer, wo wir mit 300 Teilnehmenden auf der Bühne ein World-Café veranstalteten. Bei der Tagung 2011 erprobten wir eine ganze Reihe von neuen Formaten, die dann zur Kultur hier am Goetheanum wurden. Ich frage mich, ob diese Tagung zum Klima nun ebenfalls einen solchen Wendepunkt anzeigt. Ich vermute es. Und ich vermute, dass es da kein Zurück gibt. Das Dritte: Es war sehr wichtig, dass fast alle Vortragenden und Mitarbeitenden der Tagung vor Ort waren. So entstand hier ein Teamgeist, wie ich ihn selten, vielleicht noch nie erlebt habe. Zum Schluss hatten wir Sektionsverantwortlichen noch den paternalistischen Reflex, dass es jetzt eine Bedankung aller Mitarbeitenden geben müsse. In der Nachbesprechung kam uns dann entgegen: «Das hättet ihr gut sein lassen können, wir waren doch ein Team!» – Und das war so. Diese Dimension von Teamarbeit, das ist Neuland.

Kaliks Das hängt für mich damit zusammen, dass für beinahe alle, selbst den Filmer Philip Wilson, es in dieser Form etwas Neues war. Somit saßen alle im gleichen Boot des Nichtwissens, des Noch-nicht-wissens. Es ist so anders und wohl alle haben gespürt, dass es in gewissem Sinne ein Wagnis ist. Da rollte nicht etwas aus, was man schon kann, sondern alles entstand neu. Das war schön und verbindend.

Kronenberg So ursprünglich und neu das Format der Tagung war, so ausführlich haben sich die Beitragenden vorbereitet. So haben sich Anet Spengler und Ronja Eis für ihren dialogischen Vortrag Wochen vor der Tagung mehrere Male abgesprochen, um ihre Inhalte zusammenzubringen. Es galt wohl für alle Bereiche, dass die Vorbereitung aufwendiger war als bei einer klassischen Tagung. Der Lohn ist dann ein entspannter Tagungsablauf.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.

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Das Goetheanum · Ausgabe 12 · 19. März 2021

Titelbild: Paul Stender