Eurythmie und Architektur

Eurythmie und Architektur

23 August 2021 Sebastian Jüngel 701 mal gesehen

Am 11. Juli 2021 machte eine Eurythmiegruppe um Gioia Falk die Dynamik der Architektur des Goetheanum und seiner Landschaft auf der Terrasse erlebbar.


Sebastian Jüngel Was führte zu diesem Programm?

Gioia Falk
Die Augen sind heute verstärkt beim Display des Smartphones, die Menschen ziehen sich oft zurück, auch seelisch. Ich fragte mich: Wo sind Ansatzpunkte für unsere Zuwendung zur Welt, zur Schönheit? Das Auge ist überflutet, das Ohr überdröhnt. Der Besuch eines Theaters, eines Konzertsaals scheint schwerer zu fallen. Gleichwohl suchen die Menschen mit ihrem Mobiltelefon schöne Orte oder Bauten auf. Darunter sind öffentliche Räume, die nicht abgeschlossen sind, die offen lassen, ob man noch draußen oder schon drinnen ist, und die einen gewissen Schutz geben, Mensch zu sein.

Klang in der Landschaft

Jüngel Welche Erfahrungen flossen dabei ein?

Falk
Nachdem ich vor einigen Jahren die Mysteriendramen am Goetheanum inszeniert hatte, träumte ich von Gebäuden. Mir war die Frage: Wo sind Schicksal und Kulturelles nah verbunden? Ich machte architektonische Wanderungen. Ein einschneidendes Erlebnis hatte ich vor dem Auditorium von Santiago Calatrava in Santa Cruz de Tenerife (ES). Ich erlebte, wie diese Architektur ein Klang in der Landschaft ist. Hier ist ein direkter Dialog zwischen Umgebung (Meer und Berge), der menschlichen Seele und dem Gebäude möglich – hier schwingt und klingt es. Das Erlebbarmachen der Strömungen aus der Natur zusammen mit einem kulturellen Werk wie einem Gebäude ist ein Kulminationspunkt. Ich fragte mich als Eurythmistin: Wie könnte das umgesetzt werden?

Jüngel
Wie ist es, um den Bau unter freiem Himmel zu eurythmisieren?

Falk
Ich hatte früher Zweifel: Draußen mit Kleid und Schleier wie gewohnt zu erscheinen, ist unpassend, die Eurythmie zerstäubt. In der Auseinandersetzung mit Rudolf Steiners Darstellung über antiken Tempeltanz suchte ich eine Form. Die Beschäftigung mit der [Theater-]Maske spielte dann eine Rolle beim Entstehen des Kostüms mit gleichsam er­weiterten Gliedmaßen und der dann erübten Bewegungsart, die uns ermöglicht, uns auch bei Wind draußen frei zu bewegen und entsprechend zu lautieren.

Die Menschen schauten auf

Ich gewann Kolleg/inn/en, mitzuwirken. Als wir uns auf Teneriffa vor dem Auditorium bewegten, geschah es: Die Menschen schauten von ihrem Smartphone auf, die Kinder machten mit. Nachdem wir fertig waren, wurden wir von Mitarbeitenden des Auditoriums gebeten, an zwei Tagen etwas von unserer Arbeit vor dem Konzert im Foyer zu zeigen.

Ich habe dann noch an verschiedenen Orten in Deutschland aufgeführt, variiert nach Anlass und Ort. Von Kindern wurden wir oft als ‹Engel› benannt; Erwachsene sagten öfter: Es ist wie eine Meditation.

Jüngel
Wie kamen Sie auf das Goetheanum?

Falk
Seine Terrasse enthält unzählige Freiräume und Perspektiven für den Dialog zwischen künstlerischer Gestaltung und Landschaft, das Goetheanum ist ja auch aus der Beziehung zum Bau und seiner Umgebung entstanden: Die Himmelsrichtungen, die Elemente sind mit eingeflossen.


Kontakt Gioia Falk, gioiafalk.eu@gmail.com
Einblick
12. September 2021, Goetheanum, im Rahmen des Campus-Fests