Hundert Jahre Das Goetheanum

Hundert Jahre Das Goetheanum

05 September 2021 Ruedi Bind 240 mal gesehen

In der Ausgabe Nr. 33–34 feierte das ‹Goetheanum› sein 100-jähriges Jubiläum. Ruedi Bind, ehemaliger Redakteur der Wochenschrift schrieb und recherchierte für die Jubiläumsausgabe über den turbulenten Anfang des anthroposophischen Gemeinschaftswerkes Wochenschrift. Warum haben die Menschen damals eine Zeitung gegründet, die noch dazu jede Woche erscheinen sollte, als wäre man nicht schon genügend beschäftigt gewesen?!


Aufbruch unter widrigen Umständen

Mit dem Goetheanum-Bau und der sozialen Dreigliederung standen Rudolf Steiner und die Anthroposophie voll in der Öffentlichkeit und in Auseinandersetzungen wie nie zuvor. Das bewog die Konzertagentur Wolff & Sachs, für Rudolf Steiner zwei Vortragstourneen durch ganz Deutschland in großen Sälen zu organisieren. Die Einnahmen waren durch den Publikumsandrang garantiert. Rudolf Steiner war eine öffentliche Persönlichkeit, die mächtige Wellen verursachte und Presse und Gegner auf den Plan rief. Es war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die Nazis formierten sich unter Hitler. Man hatte Rudolf Steiner und die sozialen Dreigliederer im Fadenkreuz. Im Mai 1922 Randalierer und Schlägertrupps bei einem Vortrag Rudolf Steiners in München. In der Presse Lügen über Rudolf Steiner und Verleumdungen der Anthroposophie. «In Vorträgen, in denen von anthroposophischer Seite versucht wurde, die verbreiteten Unwahrheiten richtigzustellen, störten Trillerpfeifen und Ratschen den Redner. Oder man riss Plakate herunter, in denen solche Vorträge angekündigt wurden. Schließlich schreckte man sogar vor der Anwendung körperlicher Gewalt nicht zurück und setzte Schlägertrupps ein, um die Vorträge Rudolf Steiners platzen zu lassen. Auf diese Weise glaubte man, bei den Zeitgenossen zum Ziel zu gelangen: Rudolf Steiner als Verkörperung all derjenigen Eigenschaften erscheinen zu lassen, die damals als negativ empfunden wurden – unerwünschter Fremdling, übler Scharlatan, entlaufener Priester, verkappter Jesuitenzögling, fragwürdiger Okkultist, versteckter Bolschewist, jüdischer Bastard, irregulärer Freimaurer, halbgebildeter Dilettant, aktiver Landesverräter. Rudolf Steiner – ein Mann des Übels im höchsten Grad.»1 Die Schweizer Fremdenpolizei ging den Gerüchten nach, wonach Rudolf Steiner ein «gefährlicher sozialistischer Agitator» sei, der «alldeutsche Propaganda» betreibe.

Vor der Gründung der ‹Wochenschrift› waren schon einige anthroposophische Zeitschriften ins Leben gerufen worden: ‹Das Reich› (Alexander von Bernus, Heidelberg/München, April 1916–Juli 1920), ‹Dreigliederung des sozialen Organismus› (Stuttgart, seit Juli 1919), ‹Soziale Zukunft› (Roman Boos, Zürich, Juli 1919–1921), ‹Anthroposophy – A Journal of Higher Science› (London, seit November 1920), ‹Die Drei› (Stuttgart, seit Februar 1921). In Norwegen gab es bereits seit November 1915 die anthroposophische Zeitschrift ‹Vidar›, aber das war weit weg.

Ein Menschenkreis zieht sich zusammen

Vor 35 Jahren habe ich begonnen, in der ‹Wochenschrift› mitzuarbeiten; einmal wöchentlich habe ich an meinem Bürotisch zusammen mit Friedrich Hiebel die Schecks für die Autorenhonorare unterzeichnet. Erst jetzt ist mir klar geworden, wie es bei der Begründung der ‹Wochenschrift› und in ihren ersten Jahren zugegangen ist, bis hin zur Abonnentenentwicklung und den Finanzen. Dafür, dass mir während dieser kurzen Plaudereien nicht nur der ehemalige Chefredakteur gegenübersaß, sondern auch der erste Korrespondent und die ganze Geschichtslinie dieser Zeitschrift, reichte mein Bewusstsein damals noch nicht aus.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.


Das Goetheanum · Ausgabe 33-34 · 13. August 2021