Impfen?!

Impfen?!

22 Oktober 2019

Interview mit Georg Soldner, dem stellvertretenden Leiter der Medizinischen Sektion am Goetheanum, zu dem ‹virulenten› Thema Impfen.


Das Thema polarisiere schon, seit es überhaupt Impfungen in Europa gebe, und auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung gäbe es unterschiedliche Auffassungen. Rudolf Steiner habe sich einmal aus akutem Anlass folgendermaßen geäußert: «Da muss man eben impfen. Es bleibt nichts anderes übrig. Denn das fanatische Sichstellen gegen diese Dinge ist dasjenige, was ich, nicht aus medizinischen, aber aus allgemein anthroposophischen Gründen, ganz und gar nicht empfehlen würde.»

Während bei Pocken die Sterblichkeit bei 30 Prozent liege, betrage sie bei Masern im Kindesalter nur ca. 0,1 Prozent. Deshalb, so Soldner, könne man eine Masernimpfung nicht mit der gleichen Begründung verpflichtend vorschreiben wie eine Pockenimpfung.

Bei Masern gebe es leichte Fälle, die man lange nicht als Masern erkenne, insbesondere bei vorher Geimpften. Deshalb könnten einzelne Masernfälle auch bei hoher Durchimpfung der Bevölkerung vorkommen. Bei den Pocken hingegen war es durch die einzigartige Kombination von deren Merkmalen möglich, sie auszurotten. Dies ist derzeit bei Masern nicht in Sicht, zumal es Regionen der Erde gibt, die aufgrund ihrer politischen Instabilität derzeit kaum eine hohe Durchimpfungsrate zulassen.

Wie komplex das Thema ist, zeigt Soldners Hinweis, dass die Masernimpfung bei den Geimpften auch immunologische Reifungsprozesse auslöst, sodass in Ländern mit hoher Kindersterblichkeit die Masernimpfung die Sterblichkeit stärker senkt als nur durch den Schutz gegen Masern. Geimpfte Kinder würden seltener an Lungenentzündung und Durchfall sterben als ungeimpfte. Andere, sogenannte Totimpfstoffe können hingegen in solchen Ländern sogar die Sterblichkeit erhöhen.

Ein weiterer Hinweis von Georg Soldner skizziert, dass heute ganz andere Hauptrisikogruppen betroffen sind als früher, nämlich weniger Kinder im Vorschul- und frühen Schulalter, sondern Säuglinge (abnehmender Nestschutz) und vor allem Erwachsene: «Das Durchschnittsalter der wenigen Masernfälle, die wir heute noch in Deutschland haben, ist inzwischen 20 Jahre, und in der Schweiz ist es ähnlich. Der letzte Todesfall in Deutschland betraf einen 40-Jährigen. Die Situation ist also, dass Erwachsene, die nach 1970 geboren sind und in ihrer Kindheit keine Masern mehr durchgemacht haben, die nicht oder nur einmal geimpft wurden, keinen ausreichenden Masernschutz zeigen.» Im Erwachsenenalter aber können Masern wesentlich schwerer verlaufen.


Das ganze Gespräch kann hier in ‹Das Goetheanum› gelesen werden.

Bild: Illustrationsreihe 3/G22 Adrien Jutard