Ist das Fremde zu begreifen?

Ist das Fremde zu begreifen?

06 Januar 2021 Constanza Kaliks & Paula Edelstein 86 mal gesehen

Constanza Kaliks und Paula Edelstein erkunden im Gespräch, wie Interkulturalität ein Weg im 21. Jahrhundert wird und welche besonderen Herausforderungen der Pädagogik begegnen. Das Gespräch erschien in der ersten Ausgabe von ‹Das Goetheanum› dieses Jahres.


Constanza Kaliks Die Pandemie hat nicht nur sich selbst als Problem gebracht, sondern auch erneut die Möglichkeit, ja Notwendigkeit, Probleme zu sehen, die schon seit Jahrzehnten in der Welt sind. Eine dieser großen Herausforderungen ist die Verschärfung von Situationen extremer materieller Entbehrung und Verletzlichkeit. Nicht alle Menschen kommen auf die Erde in eine Situation, die ihnen all die Möglichkeiten schenkt, die ein menschenwürdiges Umfeld zulässt. Diese Tatsache hat sich durch die Pandemie verschärft. Ein Beispiel davon beschreibt der UNESCO-Bericht von August 2020: Zu den Millionen, die schon heute an Hunger leiden, kommen durch die Pandemie noch 150 Millionen Jugendliche und Kinder mehr, weil sie durch die Schließung der Schulen nicht ihre täglichen Mahlzeiten einnehmen können. Im Bericht heißt es: «Es ist eine universelle Krise und für einige Kinder werden die Auswirkungen für den Rest ihres Lebens spürbar sein.»1
Wie gehen wir mit dem Wissen um diese Situation um? Es ist uns gegeben, dass wir wissen können, wie die Lage in der Welt ist, welche Situationen in den letzten Monaten entstanden sind. Diese Möglichkeit zu wissen bringt Verantwortung mit sich. Die Pandemie hat die gegenseitige Verantwortung weiter verdeutlicht und die gemeinsame Aufgabe ist klarer geworden. Wir sind dadurch aufgerufen, sie gemeinsam anzunehmen, jeder Mensch in der Umgebung, in der er wirksam sein kann. Die Pandemie zeigt die Interdependenz, die eigentlich die Ausrichtung des Menschseins ist, die Gegenseitigkeit, sie zeigt, dass wir real aufeinander angewiesen sind. Wir sind ja eigentlich in dieser Wechselseitigkeit, indem wir in der Welt sind. Wie können wir diesen Schicksalsauftrag annehmen? Da stellt sich die Frage nach der Andersheit des anderen Menschen in radikaler Form. Sie ist eigentlich eine tägliche Tatsache. Doch wie können wir diesen anderen wirklich begreifen? Können wir diese Herausforderung aus der Gegenseitigkeit annehmen, wenn der andere fremd bleibt?

Können wir eine Erkenntnis entwickeln, die das Leben umfasst, in der nicht ich mit meinem eigenen Gemütszustand, mit meiner Sicht der Dinge und der Welt zum Maßstab werde, sondern in der ich und meine Sicht in Bezug auf den anderen, ich und mein Schicksal in Bezug auf das Schicksal der Gesellschaft und der Natur zur Orientierung für ein verantwortetes Handeln werden?

Drei Aspekte dieses großen Themas wollen wir in diesem Gespräch im Bereich der Pädagogik fokussieren: Zuerst der Aspekt unserer pluralen Zugehörigkeiten, die gleichzeitig und komplex verwoben sind. Dann der Aspekt der Gegenseitigkeit, die immer konkret ist, immer einen Namen und einen Ort hat – denn wir sind verortete Wesen. Und schließlich den Aspekt der Einmaligkeit eines jeden Menschen, ein jeder als absolut singuläre Wirklichkeit.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.

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Das Goetheanum · Ausgabe 1-2 · 1. Januar 2021