«Kulturbildende Kraft des Individuellen»

«Kulturbildende Kraft des Individuellen»

27 April 2020 | Sebastian Jüngel

Im Rechenschaftsbericht 2019/20 beschreiben die Mitglieder des Vorstands und der Sek­tionsleitungen neue Arbeitsformen, ihre Tätigkeiten und ihre Vorhaben für die nächste Zeit. Neben dem Verfügbarmachen anthroposophischer Grundlagen geht es Vorstand und Sektionen darum, für die Zeit angemessen tätig zu sein.


Anthroposophie ist ein Wesen, das in jedem einzelnen Menschen eine kulturbildende Kraft veranlagt. Die Achtung des Individuellen heißt, «den anderen von seiner Wirklichkeit aus zu denken», wie es Constanza Kaliks formuliert. Den Blick über das Individuelle hinaus weitet Joan Sleigh mit ihrer Frage: «Kann sich die Anthropo­sophische Gesellschaft immer mehr zu einem globalen Netzwerk von Individuen entwickeln, von denen jeder Einzelne im Streben nach geistiger Präsenz in seinem Leben das Einzigartige (die Individualität) im Dienst der Menschheit und eines vernetzten Universums transzendiert?» Und es gibt mit Justus Wittich einen Auftrag: «Diese kulturbildende Kraft des Individuellen muss mehr und mehr öffentlich sichtbar werden.»

Damit sind einige der Aufgaben benannt, denen sich die Anthroposophische Gesellschaft und die Freie Hochschule für Geistes­wissenschaft stellen, zum Beispiel so:

– Auf Ebene der Anthroposophischen Gesellschaft fördert Matthias Girke, dass sich Gruppen auf sachlichem Feld bilden, die die Erfahrungen des Berufslebens in die Anthroposophische Gesellschaft tragen.

– Die Sektionen am Goetheanum arbeiten intersektional zusammen.

– Als neue Formen haben sich beispiels­weise die World Goetheanum Asso­ciation, die Goetheanum Meditation Initiative Worldwide beziehungsweise die Initiative ‹Living Connections› etabliert.

Impulskräfte und neue Ideen wecken

Damit sich Menschen und Gruppen verbinden können, braucht es Kommunikation: Die Beteiligten selbst wissen gut, was sie dafür brauchen; das Goetheanum stellt darüber hinaus weitere ‹Kanäle› zur Verfügung. Sie haben «nicht nur einen informatorischen Charakter», sondern können «Impulskräfte und neue Ideen wecken» (Matthias Girke), und zwar explizit aus weltweiter Perspektive. Dazu zählt der Ausbau von ‹Anthroposophie weltweit› zum viersprachigen Mitgliederorgan als Papierausgabe, als Newsletter und Webseite. Wei­tere Newsletter des ‹Goethe­anums›, von Sektionen und Abteilungen sowie einer für das Gesamt-Goetheanum sind erweitert oder neu geschaffen worden.

Wer sich – wie die anthroposophische Bewegung und Gesellschaft – nicht als abgeschlossene Parallelgesellschaft versteht, setzt sich Angriffen aus. Dazu Matthias Girke: «Es sind meistens wiederkehrende Themen, die mit gewohnten Argumenten dargestellt werden, aber eine das freie Geistes­leben zunehmend bedrohende Kraft bekommen. Es macht oftmals keinen Sinn, auf diese Darstellungen inhaltlich einzugehen. Viel sinnvoller ist es, dasjenige der Anthroposophie und ihrer Lebensfelder sichtbar zu machen, was hilfreich und positiv in der Zivilisation wirksam wird.» Die Medizinische Sektion macht dies beispielsweise durch Plattformen wie anthromedics.org, pflege-vademecum.de und mistel-therapie.de. Zudem gilt es nach innen, sich «nicht auseinanderdividieren [zu] lassen», sondern bei kontroversen Themen «Interesse für die Beweggründe des einen» und «Respekt vor dem fremden Wollen des anderen» zu haben, schreibt Justus Wittich.

Der Vierschritt in der Hochschule

Die Freie Hochschule für Geisteswissen­schaft bietet eine besondere Methode: «Ausgangspunkt anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ist immer die Schätzung und Beherrschung des logisch-intellektuellen Denkens; es wird durch konsequente Übung der Beobachtung und Reflexion verstärkt und durch Meditation vertieft. Die Stimme des Gewissens antwortet auf die Gedanken […]»

Dazu tragen die Sektionen bei, etwa wenn sie an der Herausgabe von Bänden der Gesamtausgabe Rudolf Steiners beteiligt sind.

Darüber hinaus sind die Sektionen auf vielfältige Weise zivilgesellschaftlich engagiert. Neben dieser praktischen Tätigkeit auf den ‹klassischen› Feldern wie Landwirtschaft, Pädagogik und Medizin gehört dazu,

– sich für den Menschen als schöpferisches Wesen einzusetzen, das einen Eigenwert hat und sich nicht in Maßstäben technologischer Hochleistungen und Künstlicher Intelligenz erfassen lässt,

– qualifizierte und für junge Menschen attraktive Berufe anzubieten sowie Fragen der Aus- und Weiterbildung und der Beratung und Qualitätssicherung nachzugehen sowie

– die Arbeitsbereiche bei politischen Eingriffen und Angriffen zu sichern.

Die Wirksamkeit der Anthroposophie zeigt sich nicht zuletzt im Zusammenwirken mit anderen wie bei der Kongressinitiative ‹Soziale Zukunft› (DE) und durch Förderungen durch Organisationen wie Movetia (CH) und Mercator (CH).


Zum Rechenschaftsbericht (PDF)