Leid und Hoffnung im Schwarzen Garten

Leid und Hoffnung im Schwarzen Garten

26 November 2020 Markus Osterrieder 566 mal gesehen

Am späten Abend des 9. November 2020 endete der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan mit einem Paukenschlag. Der Historiker Markus Osterrieder zeigt in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› auf, an welchen geopolitischen und historischen Verstrickungen die Region Berg-Karabach leidet und warum seit einem Jahrhundert kein Frieden gedeiht.


Der sechswöchige Krieg hatte sich in der armenisch bewohnten Region Berg-Karabach abgespielt, die völkerrechtlich Aserbaidschan zugesprochen wird. Die Bedingungen des Waffenstillstands schaffen jedoch keine Grundlage für eine Befriedung.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev, der armenische Premier Nikol Paschinjan und der russische Präsident Vladimir Putin unterzeichneten (unter indirekter Beteiligung der Türkei) ein Waffenstillstandsabkommen. Die harschen Bedingungen1 sehen unter anderem den Rückzug der armenischen Streitkräfte aus den armenisch kontrollierten Territorien Berg-Karabachs, die dortige Stationierung russischer Friedenstruppen, Gebietsabtretungen an Aserbaidschan und das Rückkehrrecht für aserbaidschanische Vertriebene des ersten Karabach-Krieges (1992–1994) vor. Keine Erwähnung fanden jedoch die armenischen Vertriebenen, die Aserbaidschan zwischen 1988 und 1990 verlassen mussten, auch nicht die bis zu 100 000 seit dem 27. September neu aus Berg-Karabach geflüchteten Armenierinnen und Armenier. Das Abkommen lässt keine dauerhafte Lösung des Konflikts erkennen und ist zudem auf fünf Jahre beschränkt.

Premier Paschinjan wies darauf hin, dass ihn nach der aserbaidschanischen Einnahme der strategischen Stadt Schuschi (Schuscha) die aussichtslose militärische Situation in Berg-Karabach dazu bewegt habe, das Abkommen zu unterzeichnen. Der 2018 selbst an der Spitze einer Massendemonstration gegen die alte, korrupte Regierung an die Macht gekommene Paschinjan wurde nun in Jerevan mit Massenprotesten, Rücktrittsforderungen und dem Vorwurf des Landesverrats konfrontiert. Russland wurde von erzürnten Armenierinnen und Armeniern vorgeworfen, das Land wegen mangelnder Loyalität und Dankbarkeit dem Kreml gegenüber durch militärische Zurückhaltung bestrafen zu wollen. Unter weiten Teilen der Bevölkerung wurden traumatische Erinnerungen an die Geschehnisse während und nach dem Ersten Weltkrieg 1915 bis 1922 wach: an den von türkischer Seite durchgeführten und bis heute weder von der Türkei noch von Aserbaidschan anerkannten Genozid am armenischen Volk und an die damit verbundene Furcht vor völliger Auslöschung der armenischen Kultur mitsamt ihrer 1600-jährigen Schriftsprache und ihrer noch älteren christlichen Glaubenszeugnisse.

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Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.

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Das Goetheanum · Ausgabe 48 · 27. November 2020