Neue Landesrepräsentantin Michelle Vette

Neue Landesrepräsentantin Michelle Vette

20 September 2020 | Sebastian Jüngel

Seit August ist Michelle Vette Landesrepräsentantin der Anthroposophischen Gesellschaft in Neuseeland. Die anthroposophische Pflege-Expertin und Erwachsenenbild­nerin hat in Neuseeland die anthroposophische Pflegeausbildung mitgegründet und mit einer Kollegin eine Pflegeambulanz bei der Weleda geführt.


Sebastian Jüngel Wie würden Sie Neuseeland für jemanden beschreiben, der noch nie in diesem Land gewesen ist?

Michelle Vette
Neuseeland hat zwei offizielle Sprachen: Englisch und Maori. Die Sprache der Maori bezeichnet dieses Land als ‹Aotearoa›, als das Land der langen weißen Wolke. Seit ich ein kleines Kind war, hat dieses Bild stark in mir als Teil meiner und unserer Identität hier gelebt.

Wir sind ein grüner Inselstaat im Südpazifik mit weiten, abwechslungsreichen Landschaften und einer kleinen Bevölkerung.

Jüngel Welche Rolle spielt die Spiritualität im heutigen Neuseeland?

Vette Natürlich kann ich nur über meine eigenen Erfahrungen sprechen. Dieses Land hat eine alte, tiefe Spiritualität, die sich durch die bewegte Geschichte von Aotearoa-Neuseeland erhalten hat und in der heutigen Zeit durch die Maori neu definiert und gelebt wird.

Als eine verfassungsgemäß säkulare Gesellschaft entwickeln wir uns rasch zu einer vielfältigen, facettenreichen Kultur, in der wir vor allem an unserem Selbstverständnis arbeiten. So erlebten wir beispielsweise den furchtbaren Anschlag auf die Moschee in Christchurch, auf den unsere Premier­-minis­terin Jacinda Ardern mit neuer Menschlichkeit reagierte. Dies ist ein Prüfstein, eine Grundlage für eine neue An­nährung aneinander und damit auch an das Spirituelle.

Menschliche Entwicklung unterstützen

Jüngel Was ist der spezifische Auftrag der Anthroposophie in Neuseeland?

Vette
Der Auftrag der Anthroposophie in Neuseeland ist, ihren eigenen Weg in der pazifischen Kultur dieses Landes und seiner Völker zu finden und gleichzeitig den globalen Zusammenhang zu reflektieren, aus dem heraus sie entstanden ist. Zum Beispiel so viel wie möglich mit den Initiativen in Be­reichen wie Erziehung, Kunst, Medizin, Ökologie und Landnutzung zusammen­zuarbeiten, um hier das menschliche Bemühen und die menschliche Entwicklung zu unterstützen. Es geht auch darum, den Zusammenklang von Anthroposophie und der lebendigen indigenen Kultur und Kosmologie zu erkunden und Verbindungen herzustellen.

Jüngel
Gibt es etwas, was die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft von Neuseeland lernen kann?

Vette
Ja, sie kann lernen, was an der Peripherie an einem Ort üppiger Lebenskräfte lebt und sich entwickelt und wie ein Impuls in Raum und Zeit seinen Ausdruck finden kann.

Jüngel Wie werden Sie Ihre Absichten als neue Landesrepräsentantin verwirklichen?

Vette Im Moment dadurch, dass ich Menschen treffe, ihnen zuhöre und ein Bild und ein Gefühl zu bekommen versuche, was da ist und wie wir zusammenarbeiten können. Ich möchte mit dem arbeiten, was bisher durch harte Arbeit und Aktivität ent­standen ist, und damit beginnen, auf die Zeit einzugehen, in der wir uns befinden: eine Zeit des raschen Wandels, der Unsicherheit und der Fragen. Dringende Themen unserer Zeit sind: die Kraft, die Anthroposophie für die innere Entwicklung bieten kann, zu ver­mitteln, Resilienz in Zeiten der Unsicherheit und die Initiative, aktiv mit dem Geist zu arbeiten. Mich interessiert, wie wir (alle) diese Themen für die Welt und in der Welt leben.

Teile und das Ganze halten

Jüngel Wird Ihr Beruf dabei eine Hilfe sein?

Vette
Für mich ist Pflege ein so breiter und umfassender Beruf, der mit dem einzelnen Menschen arbeiten kann, während er gleichzeitig die Teile und das Ganze trägt. Pflege ist universell und fördert die Entwicklung von Herzenswärme und Herzenslicht in Einklang mit dem ganzen Willen der Seele. Also ja – ich glaube schon.


Aus dem Englischen von Sebastian Jüngel.

Web Anthroposophy Neuseeland