«Ohne Kunst sklerotisiert die Welt»

«Ohne Kunst sklerotisiert die Welt»

01 Mai 2019 | Sebastian Jüngel

Bronze, Stein und Holz – das sind die Materialien, mit denen Rik ten Cate arbeitet. Er ist Bildhauer. Und er kennt das Soziale – als Ehemann, Vater von vier Kindern, als Lehrer und Kunstdozent. Er kam 2014 in den Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden und ist seit April deren Landesrepräsentant.


Sebastian Jüngel: Wie haben Sie erfahren, dass Sie Generalsekretär werden sollen?

Rik ten Cate:
Es war im Herbst 2018 im Vorstand. Wir sprachen darüber, dass unsere Amtszeit nach fünf Jahren bald ablaufen würde. Drei erklärten, dass sie nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stehen, darunter auch Jaap Sijmons. Er schlug mich als seinen Nachfolger vor.

Jüngel
: Wie ging es Ihnen damit?

Ten Cate
: Als ich ihn fragte: «Wieso ich?», wies er mich auf meinen stringenten anthroposophischen Weg als Lehrer und Dozent hin, dass ich für die Sektion für Bildende Künste in den Niederlanden und am Goetheanum tätig war. Auch würde ich viele Menschen kennen, in den Niederlanden, am Goetheanum und weltweit. Da dachte ich: «Das stimmt eigentlich mal schon.» Ich dachte auch, dass es noch andere gäbe, die infrage kommen, aber nicht jeder von diesen kann so viel reisen. Ich würde mich nicht für diese Aufgabe bewerben, aber ich kann Ja zu ihr sagen.

Jüngel
: Wo war Jaap Sijmons für Sie ein Vorbild?

Ten Cate
: Er ist Wissenschaftler, er ist Jurist, er hat Philosophie studiert. Er hat sich mit großen Themen befasst wie Christian Rosenkreutz und den zwölf Weltanschauungen. Er kennt die Statuten der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft von 1923/24 in- und auswendig. Ich bewundere ihn dafür, dass er Verantwortung übernimmt, für etwas einsteht und es auch verteidigt.

Interesse an Produkten, nicht an der Quelle

Jüngel: Welchen Impuls tragen Sie in die Anthroposophische Gesellschaft?

Ten Cate
: Wir haben vor fünf Jahren in der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden eine Situation erlebt, die desaströs war. Für manche Mitglieder wirkte unsere Berufung als neuer Vorstand wie eine Art Putsch. Wir brauchten Zeit, um Vertrauen zu gewinnen. Ich glaube, dass die Anthropo­sophische Gesellschaft jetzt auf gutem Boden steht. Aber: Wir haben bereits fast die ersten 20 Jahre des 21. Jahrhunderts hinter uns. Was hat Rudolf Steiner in solch einer Zeit alles geschafft! Gut, weltweit lebt die anthroposophische Arbeit. In den Niederlanden gibt es an den Waldorfschulen lange Wartelisten für Schülerinnen und Schüler. Sich biologisch zu ernähren, ist Trend. Die Triodos-Bank hat mehr Geld, als sie einsetzen kann. An den Auswirkungen der Anthroposophie besteht Interesse – wo aber ist das Interesse an der Anthroposophischen Gesellschaft, am Nähren der Quelle, aus der das alles fließt? Wir müssen jetzt daran arbeiten, eine moderne Gesellschaft zu werden: nicht autoritär, nicht besserwisserisch, nicht in Abgrenzung der einzelnen Sektionsfelder voneinander. Und wir haben in den Niederlanden auch Probleme: Beispielsweise sind anthroposophische Medikamente verboten.

Offenheit, Ehrlichkeit – und Respekt vor dem hohen Wesen

Jüngel: Wir haben in der Michaelschule eine Anbindung an die geistige Welt und durch die Tätigkeit in der Welt die Notwendigkeit, gemäß ihren Bedingungen pragmatisch zu handeln. Wie gehen Sie als Vorstand mit diesen beiden Gegebenheiten um?

Ten Cate
: Ich erlebe mich als Kind der Michaelströmung. Michael steht für Offenheit und Ehrlichkeit. Nichts kann verdeckt werden, alles kommt zum Vorschein. Was versteckt wird, steht im Schatten und ist damit mit entsprechenden Wesen verbunden. Das brauchen wir nicht – wir haben schon im Licht genügend Probleme.

Die von Ihnen angesprochenen Gegebenheiten sind zu berücksichtigen: Ist bei dem, was wir tun, das Wesen Anthroposophie gewürdigt? Ist es verletzt? Ist es wirklich verletzt? Werden wir dem hohen Wert beispielsweise der Formen des Goetheanum, seiner Glasfenster und Deckenmalerei gerecht? Es braucht Schutz. Doch liegt das Mysterium nicht in den Worten an sich, sondern in dem, wie, aus welcher Haltung heraus sie gesprochen werden.

Jüngel
: Was kann die Welt von den Niederlanden lernen?

Ten Cate
: Geschätzt wird das, was Wind und Wasser bringen: Beweglichkeit, Klarheit und Humor – auch Tanzen und Singen. Rudolf Steiner wies auf das Weltmännische hin.

Jüngel
: Was können die Niederlanden von der Welt lernen?

Ten Cate
: Zum Beispiel, einen ernsten tiefen Inhalt aufzunehmen (wobei es genügend Menschen in den Niederlanden gibt, die das tun). Ich meine damit, nicht zu vergessen, worum es mit der Geisteswissenschaft geht und dass hohe Wesen damit verbunden sind. Auch wenn in den Niederlanden viele Kulturen vertreten sind, sollten wir realisieren, dass es auch beispielsweise in Russland und Island Anthroposophie gibt und sie dort ein anderes Gesicht hat und mit einem anderen Gemüt aufgenommen wird. Beim Treffen der Länderrepräsentanten fiel mir auf: Viele Europäer vertreten nichteuropäische Länder. Mir scheint, dass das von Herz zu Herz kein Problem ist, aber die Gedanken sind noch nicht internationalisiert.

In Leichtigkeit kommen

Jüngel: Was würden Sie antworten, wenn ein Fernsehsender Sie fragt: «Was ist Anthroposophie? Sie haben 90 Sekunden Zeit.»

Ten Cate
: Ich würde nach dem ersten Leitsatz antworten: «Anthroposophie verbindet das Geistige im Menschenwesen mit dem Geistigen im Weltall. Das heißt: Anthroposophie wirkt im Wissen und Bewusstsein, dass es eine physische und geistige Welt mit geistigen Wesen gibt. Das ist Grundlage für die esoterische Arbeit.»

Jüngel:
Haben Sie eine Situation erlebt, in der Sie schmunzeln mussten?

Ten Cate:
Wir hatten einmal als Vorstand eine schwierige Sitzung mit Mitgliedern. Wir waren dem Vorwurf ausgesetzt, dass der Vorstand sage, was die Mitglieder zu tun haben – wie Vater oder Mutter. Ich antwortete: «Ich bin froh, dass ich nicht Ihr Vater bin.» Da lachte ein Mitglied und sagte: «Das kann ich verstehen!» Mir ist wichtig, dass wir bei allen ernsten Fragen auch immer wieder in die Leichtigkeit kommen. Das ermöglicht die Kunst. Ohne Kunst sklerotisiert die Welt und sie dreht sich nicht mehr.


Web: www.antroposofischevereniging....

Addendum vom 31.10.2019:
Anthroposophische Medikamente sind nicht in den Niederlanden verboten, sondern wenige sind lizensiert im Sinne von offiziell erlaubt. Die Verfügbarkeit wird via die niederländische Weleda-Apotheke ermöglicht