Perspektiven und Initiativen in der Corona-Zeit

Perspektiven und Initiativen in der Corona-Zeit

24 Juni 2020 | Sebastian Jüngel

Die Corona-Pandemie zeigt auf, wie komplex Lebensformen miteinander interagieren. Kommt es dabei zu einer Störung, treten Stresssymptome auf, die gegebenenfalls zerstörisch wirken. Die Leitung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum entwickelt aus ihrem Verständnis des Lebendigen heraus mehrdimensionale Lösungsansätze.


«Die Corona-Krise steht mit der ökologischen Krise in Zusammenhang.» Mit diesem Blick appellieren Matthias Girke und Georg Soldner von der Leitung der Medizinischen Sektion am Goetheanum für eine nachhaltige Stärkung «des ökologischen Gleichgewichts von Mensch und Natur». Der Blick auf industrielle Massentierhaltung macht exemplarisch deutlich, was sie meinen: Die Lebensumstände in Gefangenschafft auf engstem Raum begünstigen «eine massive Virusfreisetzung und Mutationen von Viren».

Für die beiden Mediziner sowie die weiteren Autorinnen und Autoren geht es bei der Covid-19-Pandemie um ein Verständnis des Lebendigen. Leben baut auf Gewordenem auf und birgt in sich als Werdendes noch nicht realisierte Potenziale. Methodisch bedeutet dies, für das offen zu sein, was erst in einer Begegnung von Lebensformen und ihrer Interaktion entsteht.

Institutionalisiertes Handeln tendiert – gerade wenn Gefahr in Verzug ist – zu einer zentralisierten Steuerung durch Anweisungen und Kontrollen. Je weniger ein konkreter Bezug zu den Lebensverhältnissen besteht, desto fragiler ist das Sozialsystem und umso eher führen Störungen zu einem Kollaps. Bilden sich Gemeinschaften in Kenntnis der spezifischen Situtation vor Ort, ermöglichen ihre dezentralen, dynamisch-responsiven Selbststeuerungsprozesse, die einen lebendigen Organismus ausmachen, dass auf Grundlage von Eigenverantwortung und individueller Initiative Stress und Trauma bewältigt werden können – mit der Möglichkeit zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. So stellt die Corona-Pandemie auch die Frage nach neuen sozialen Formen der Beteiligung und Entscheidung sowie nach dem Vertrauen in die Kraft der Selbstorganisation.


Buch Ueli Hurter, Justus Wittich (Herausgeber): Perspektive und Initiativen zur Coronazeit, Verlag am Goetheanum, Dornach 2020, 240 Seiten, 10 Euro/12 Franken