Premiere ‹Leuchtfäden›

Premiere ‹Leuchtfäden›

03 Dezember 2019 | Sebastian Jüngel

Am 28. Dezember 2019 zeigt das Goetheanum-Eurythmie-Ensemble sein neues Programm ‹Leuchtfäden›. Es handelt vom Unterwegssein und von Zwischenräumen. Anlässlich des 250-jährigen Geburtstags Ludwig van Beethoven erklingen zwei Sätze aus seinem Streichquartett Opus 132.


Zum heutigen Lebensgefühl gehört, unterwegs zu sein, ohne zu wissen, wohin der Weg geht. Für diesen Weg gibt es weder Landkarte noch Navigation. Die Richtung bildet sich im Zwischenraum zum jeweiligen Gegenüber – und damit immer wieder neu. Diese Grundstimmung findet ihren musikalischen Ausdruck in Ludwig van Beethovens Streichquartett Opus 132 mit dem langsamen Satz ‹Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit in der lydischen Tonart›. Die Musik nimmt sich Zeit, kommt mit wenigen Elementen aus, wechselt kaum die Tonarten – man könnte meinen, ein Gefühl von dem zu bekommen, was Ewigkeit sein könnte.

Das Streichquartett ist gleichsam der Malgrund für Auszüge aus dem Roman ‹Das Wasser unserer Träume›. Hier beschreibt Marica Bodrožic auf subtile und zugleich plastische Weise, wie ein Mensch im Koma zwischen der Wahrnehmung reiner Lebensfunktion und Bewusstseinsbewegungen lebt und durch die Liebe der Menschen seines Umfelds – durch ihre Leuchtfäden – wieder an sein Leben vor dem Koma anzuschließen vermag.

Dramatisch bis ins äußere Geschehen erzählt Octavio Paz in Szenerien aus ‹El cántaro roto› (‹Zerbrochener Krug›) das Leben auf Erden. Ausgehend vom Erleben eines Paradieses, wird der Lebensraum enger und einsamer – Gewalt bricht sich Bahn, bis der Mensch erkennt: Ein anderes Leben ist möglich. Das apokalyptische Geschehen wird weitergeführt mit den Worten von Thomas Stearns Eliot aus ‹The Wasteland› und findet in zwei Stücken aus ‹Je sens un deuxième coeur› von Kaija Saariaho ein musikalisches Echo. Der fünfte Satz des Beethoven-Quartetts führt zurück ins Alltagsbewusstsein: Das Leben, so sehr es durch Schrecken und Lähmung gegangen ist, findet zur Freude darüber, genesen zu sein und fortgesetzt werden zu können. Der Satz ist eine reine Bejahung des Lebens.


Programm Leuchtfäden, Goetheanum-Eurythmie-Ensemble
Premiere
28. Dezember 2019, 20 Uhr, Goetheanum
Weitere Aufführungen

6. Februar, 3. und 11. April 2020, 20 Uhr
Web www.goetheanum-buehne.ch