Rein ins Leben

Rein ins Leben

25 März 2020 | Sebastian Jüngel

Projektleiterin Joan Sleigh und die Mitarbeitenden Nicole Asis, Juan Bottero und Milena Kowarik vom Social Initiative Forum engagieren sich für die Wahrung der Menschenwürde und die Unterstützung der individuellen Entwicklung bei der Bewältigung der sozialen Herausforderungen unserer Zeit.


Sebastian Jüngel Wann werden soziale Fragen virulent?

Nicole Asis
Ob Armut, hohe Selbstmordrate, Ungleichheit der Geschlechter oder Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil – jedes Land hat seine sozialen Herausforderungen. Diese lokalen Probleme haben globale Auswirkungen – wie zum Beispiel die Angst und die Fragen zu den Grenzen, die sich aus der Klimakrise, dem Coronavirus und der Flüchtlingssituation ergeben. Diese werden virulent, sobald wir sie ignorieren, neutral bis zur Untätigkeit bleiben und sie als normal ansehen.

Juan Bottero
Heute verursacht der wirtschaftliche Bereich, der uns weltweit verbindet, eine enorme Zerstörung, die im Gegensatz zu politischer Gewalt schwieriger zu bemerken ist. Der Aufbau gesunder sozialer Organismen auf der Grundlage von Individualisierung geschieht nicht von allein: Jeder von uns muss an der Entwicklung dieser sozialen Kunst mitarbeiten.

Milena Kowarik
Das Problem ist der Mangel an Empathie. Sei es in einem Land, in dem Slums neben sehr prächtigen Villen liegen, oder an Orten, die ihre Grenzen schließen, um Flüchtlinge fernzuhalten. Es gibt soziale Fragen wie die Klimakrise, die jedes Land, ob reich oder arm, betreffen.

Joan Sleigh
Alles im Leben steht in Wechselbeziehung zueinander und wirkt sich daher auf alles andere aus, besonders im Sozialen. Soziale Fragen sind virulent, und das Social Initiative Forum fördert individuelle Eigenverantwortung für Gedanken, Handlungen und Interaktionen. Äußere Armut schließt inneren Reichtum und die Liebe zum Leben nicht aus!

Zusammenarbeit als ein Schlüssel

Jüngel Welche Rolle spielt das Goetheanum bei der Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Zeit?

Bottero
Wir sind ein Projekt der Sektion für Sozialwissenschaften, aber je nach der spezifischen Herausforderung, die wir angehen, arbeiten wir mit verschiedenen Sektionen des Goetheanum zusammen: Für das Social Initiative Forum in Indien mit den lokalen Bauern arbeiteten wir mit der Sektion für Landwirtschaft zusammen, für das Seminar mit den jungen Freiwilligen mit der Jugendsektion und dem Anthroposophic Council for Inclusive Social Development, für die Veranstaltung zur Bildung in Ägypten mit der Pädagogischen Sektion. Auch außerhalb des Goetheanum arbeiten wir mit verschiedenen Organisationen zusammen. Wir glauben, dass Zusammenarbeit der Schlüssel zur Bewältigung der Komplexität der heutigen Herausforderungen ist.

Vor Ort vor realen Situationen

Jüngel Wie können die nicht privilegierten Seiten des Lebens jemandem nahegebracht werden, der ein Einkommen hat, das Gesundheit, sauberes Wasser und ein Dach über dem Kopf ermöglicht?

Sleigh
Indem wir uns vor Ort mit realen Situationen und sozialen Fragen befassen, ermöglichen wir den Austausch von Idealen und Ideen, die Begegnung auf Augenhöhe und den Austausch bewährter Praktiken. So in Sekem, wo wir über neue inklusive Wege individuellen Lernens diskutierten. Und jetzt gehen wir nach Nairobi, um die Bemühungen zu unterstützen, örtlichen Gemeinden durch Unternehmertum und Innovation Selbständigkeit zu ermöglichen.

Asis
Auf unserer Website und in unseren vierteljährlichen Newslettern berichten wir über Initiativen und Veränderer; diese Artikel werden innerhalb und außerhalb der anthroposophischen Gemeinschaft gelesen.

Jüngel Was brachte Sie zum Social Initiative Forum?


Kowarik
Durch meine Arbeit mit Flüchtlingen sehe ich, wie wichtig es ist, sich mit anderen Menschen im selben Arbeitsbereich zu verbinden.

Bottero
Ich bin in Buenos Aires (AR) geboren und aufgewachsen. Ich erinnere mich, wie schockierend es für mich war, auf meinem Weg zur Schule zu sehen, wie Kinder meines Alters bettelten. Später, mit 18 Jahren, besuchte ich die Favela von Monte Azul. Hier erlebte ich ein liebevolles und menschenwürdiges Leben in einer sehr problema­tischen Umgebung. Ich wusste, dass mein Leben von diesem Moment an mit diesem Impuls verbunden war.

Asis
Da ich auf den Philippinen aufwuchs – wo es ebenfalls eine Kluft zwischen Arm und Reich gibt und Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind –, lebte ich mit der Frage: Wie können wir die Menschenwürde in solch lebensfeindlichen und ausgrenzenden Situationen aufrechterhalten? Mit 21 Jahren stellte sich mir die Frage: Kann das anthroposophische Menschenverständnis Armut und Ungleichheit begegnen? Oder ist es nur ein philosophisches System für Elite und Gebildete?

Sleigh
Als Zeitzeugin der Apartheid in Südafrika bin ich besonders an der Frage interessiert, wie die in unterprivilegierten Gesellschaften erfahrenen Ungleichheiten durch das Verständnis des Menschen als geistigem und damit aktiv an Veränderungsprozessen beteiligten Wesen verwandelt werden können.

Jüngel
Es gibt die Auffassung, dass gesellschaftliche Probleme nur dann langfristig gelöst werden, wenn die entsprechenden Strukturen verändert werden. Streben Sie nach einer grundlegenden Veränderung der sozialen Verhältnisse?

Sleigh
Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, die gegebenen sozialen Strukturen (lokal oder international) zu verändern, sondern gemeinsam ein Bewusstsein für die Auswirkungen persönlicher Haltungen und Ansichten im Alltag und im Umgang mit Menschen zu fördern.

Kowarik
Wir streben nach einer tätigen Anthroposophie, die uns bei der Bewältigung der Herausforderungen unterstützt.

Bottero
Es wird gewöhnlicherweise erwartet, dass Wissenschaft und Technologie Lösungen bieten, oder man versucht, kleine Gemeinschaften weit entfernt von all diesen globalen Herausforderungen aufzubauen. Das Social Initiative Forum strebt dagegen nach individueller und sozialer Veränderung auf Grundlage eines spirituellen Menschenbildes und der sozialen Dreigliederung, die wir ständig mitschaffen und die wir in jeder unserer Handlungen verwirklichen.


Aus dem Englischen von Sebastian Jüngel.

Web
socialinitiativeforum.org