«Woher weißt du, dass du Mensch bist?»

«Woher weißt du, dass du Mensch bist?»

25 September 2019 | Christiane Haid

Von den menschlichen Urerfahrungen Krankheit, Alter und Tod verspricht die Technik in Zukunft eine radikale Befreiung. Mit dem Download des Bewusstseinsinhaltes des menschlichen Gehirns auf eine Maschine soll ‹Unsterblichkeit› erlangt werden. Damit wäre der Mensch nicht mehr abhängig vom Verfall und zuletzt dem Tod des Körpers.


Krankheit, Alter und Tod sind vor rund 2500 Jahren für den 29-jährigen Königssohn Siddharta Gautama, der später zum Buddha wurde, die Schlüsselerlebnisse gewesen, die ihn auf seinen Weg zur Erleuchtung brachten. Er verließ das behütete Leben innerhalb des Königspalastes, um die Welt kennenzulernen, und hatte das Ziel, Krankheit, Alter und Tod zu vermeiden.

Zunächst lernte Buddha die Askese kennen, wurde zum Schüler unterschiedlicher Lehrer und fand keine Antwort auf seine Fragen, bis er zuletzt in einer 49-tägigen Meditation im Kampf mit allerlei Verführungen und Dämonen unter dem Boddhibaum die Erleuchtung erlangte. Krankheit, Alter und Tod und das aus ihnen hervorgehende Leiden waren für Buddha ein Ausdruck für die Verhaftung des Menschen im Irdischen und an seiner Leiblichkeit. Die Besiegung des Leidens liegt in der Überwindung des «Durstes nach Dasein und Wiedergeburt». Dazu gehörte als fernes Entwicklungsziel, sich aus dem Rad der Geburten zu befreien.

Verzerrung der Motive Buddhas

Betrachtet man die Intentionen der Transhumanisten vor diesem Hintergrund, erscheinen sie wie eine Verzerrung der inneren Motive Buddhas. Was für Buddha durch geistige Tätigkeit und innere Entwicklung erreicht werden sollte, ersetzt im transhumanistischen Denkmodell die Maschine. Die Loslösung vom Rad der Wiedergeburt wird so zu einem ‹ewigen› Leben der irdischen Bewusstseinsinhalte des Gehirns auf der Erde. Das kann man als zwei polare Gesten verstehen – einmal das Freiwerden-Wollen von der Erde und das andere Mal ein An-ihr- verhaftet-Bleiben.

Die Lehre Buddhas hatte aber noch eine andere, zentrale und wegweisende Qualität, die sich im auf das Einzelselbst konzentrierten Transhumanismus nicht findet: die Lehre von Mitleid und Liebe. Sie kam durch ihn in die Welt und wurde durch Christus lebendige Tat. Hier ist die Hinwendung zum Du, an dem das Ich zu sich erwacht, der Schlüssel.

In beiden Denkbewegungen und Lebensweisen bleibt der Sinn der Verkörperung in einen physischen Leib auf der Erde als Frage bestehen. Die Inkarnation Christi und sein Opfer der Menschwerdung hat der Verkörperung in einem Leib eine vollkommen neue Qualität ermöglicht. Der Leib ist seither das Instrument, in dem sich das menschliche Ich durch seine Sinne in der Welt beheimaten kann. Diese Beheimatung dient nicht nur der eigenen Leibbildung, sie hat als Innenseite den Auftrag, im erkennenden Anschauen die Welt zu vergeistigen. Dann wird der Mensch zum Ort, an dem sich die Welt selbst erkennt.

Die Frage des Roboters Sophia «Woher weißt du, dass du Mensch bist?» ist in-sofern ernst zu nehmen und wir können im «erneuerten Apollowort», der Grundsteinmeditation von Rudolf Steiner, lernen, sie zu verstehen: «O Menschenseele, erkenne dich selbst in deinem wesenden Weben in Geist, Seele und Leib.» (GA 260, Dornach 1985, S. 63)


Tagung ‹Das Ende des Menschen? II. Wege durch und aus dem Transhumanismus› (auf Deutsch), 18. bis 20. Oktober 2019, Goetheanum

Web
www.goetheanum.org/tagungen/das-ende-des-menschen-ii