Zeitschriftenprojekt ‹Steiner Studies›

Zeitschriftenprojekt ‹Steiner Studies›

18 Februar 2020 | Christiane Haid & Georg Soldner & Johannes Wirz & Justus Wittich

Im Frommann-Holzboog-Verlag erscheinen Werke Rudolf Steiners als kritische Ausgabe. Hier wird auch die Zeitschrift ‹Steiner Studies› herausgegeben.


Dass im Beirat auch Anthroposophen mitwirken, wurde von anderen Anthroposophen kritisiert. Auf Einladung der Goetheanum-Leitung diskutierten Beteiligte am 27. Januar dazu Gesichtspunkte.

Anlass für die Zusammenkunft waren die in einem ‹offenen Brief› gegenüber der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft geäußerten Sorgen zur Mitwirkung von Wolf-Ulrich Klünker und Jost Schieren im Beirat der Zeitschrift ‹Steiner Studies›. Befürchtet wurde, dass die Zeitschrift letztlich zu einem gegen die Anthroposophie gerichteten akademischen Sprachrohr wird, da einige Mitglieder ihres Beirates nachweislich die Wissenschaftsbasis der Anthroposophie ablehnen oder Unwahrheiten über sie verbreiten wie Helmut Zander.

Die Goetheanum-Leitung lud deshalb zu einer mehrstündigen Aussprache zum Thema ‹Anthroposophie und Wissenschaft› ein, an der die Kulturwissenschaftlerin Angelika Sandtmann als Vertreterin des Arbeitskollegiums der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, der Physiker und Pädagoge Martin Basfeld, der Arzt Armin Husemann sowie die Professoren Peter Heusser, Wolf-Ulrich Klünker, Jost Schieren und Peter Selg teilnahmen. Acht Mitglieder der Goethe­anum-Leitung konnten ebenfalls dabei sein.

Repräsentanz der Anthroposophie

Eine kompetente Forschung und ent­sprechende Repräsentanz der Anthropo­sophie auf wissenschaftlichem Felde ist für die kommenden Jahre eine große Notwendigkeit, wird die Anthroposophie doch derzeit – besonders auf medizinischem Felde – in Hinblick auf ihre Wissenschaftlichkeit infrage gestellt. Ähnliches zeigt sich auch in anderen Fachgebieten. Es wäre ein Besorgnis erregendes Symptom, wenn Anthroposophie im Lichte der Öffentlichkeit als Offenbarungsglaube erscheinen und nicht, ihrer Bestimmung gemäß, den Weg wissenschaftlicher Forschung gehen würde.

Dabei geht es nicht darum, sich auf einen reduktionistischen Wissenschafts­begriff einengen zu lassen, aber sehr wohl im wissenschaftlichen Diskurs der Gegenwart die Forschung der Anthroposophie angemessen und ohne Scheu vor einer Begegnung und Auseinandersetzung mit Kritikern und Gegnern zu vertreten.

Das war das Ergebnis des fünfstün­digen Gesprächs, das inhaltlich einen weiten thematischen Bogen umspannte: von einer stärker gewünschten wissenschaftlichen Repräsentanz der Anthroposophie über die Tatsache einer primär handlungsorientierten Wissenschaft in der Landwirtschaft, einer phänomenorientierten Naturwissenschaft, evidenzbasierter Forschung in der Medizin bis zur öffentlich vertretenen, eigenständigen erkenntnistheoretischen und geisteswissenschaftlichen Methodik.

Trotz wertvoller Einzelleistungen und immenser Arbeit in den Fachsektionen gibt es im Bereich der Freien Hochschule für Geistes­wissenschaft ein Desiderat an wissenschaftlicher Forschung, für die der anthropo­sophische, mehrdimensionale, spezifisch wissenschaftliche Ansatz für die einzelnen Fachgebiete methodisch wie inhaltlich weiter ausgearbeitet und publiziert werden muss. Ferner muss der Wissenschaftsbefähigung von Lehrenden und Studierenden ein noch größeres Gewicht gegeben werden.

Dialog mit Wissenschaftlern

In diesem Zusammenhang wurde auch über den als fruchtbar empfundenen Dialog mit kritischen Wissenschaftlern gesprochen, sofern es um eine sachlich-thematische Debatte geht. Das ist sowohl in der Universität Witten-Herdecke (DE) wie in der Alanus-Hochschule (DE) durchgängig bewährte Praxis und verhilft den Studierenden zu einer eigenen Urteilsfähigkeit.

Der Kontakt zum Herausgeber der kritischen Ausgabe im Frommann-Holzboog-Verlag, Christian Clement, Germanistik-Professor an der Brigham Young University, Utah (US), wird im Laufe der Zusammenarbeit seit 2013 positiv bewertet, ebenso wie zum Fichte-Forscher Hartmut Traub, Professor an der Alanus-Hochschule. Beide sind die Herausgeber der wissenschaftlichen Online-Zeitschrift ‹Steiner Studies›. Professor Helmut Zander dagegen, darin stimmten alle Teilnehmer/innen überein, wird in Bezug auf die Anthropo­sophie und die Forschung zu Rudolf Steiner als wissenschaftlich nicht seriös angesehen. Sein zweibändiges Werk ‹Anthroposophie in Deutschland› sowie seine Rudolf-Steiner-Biografie haben ihn zwar in der Öffentlichkeit zum Experten gemacht, sind aber weder von der Quellenauswahl noch in den getroffenen Aussagen oder Ergebnissen wissenschaftlich haltbar. Selbst dort, wo der Autor auf Falschaussagen hingewiesen wurde und diese zugegeben hat, erfolgte keine entsprechende Korrektur in weiteren Veröffentlichungen.

Der ‹Gegner›-Begriff (obwohl als Begriff nicht von allen in der Runde geteilt) erscheint hier angemessen, da es nicht um eine unterschiedliche Bewertung von Fakten, sondern um eine primär auf die Dekonstruktion der Anthroposophie und Rudolf Steiners gerichtete Intention dieses Autors geht, die zu einer unseriösen, verzerrend-einseitigen Dar­stellung und Interpretation der gegebenen Fakten führt.

Fortsetzung der Urteilsbildung

Gegen Ende des Gesprächs wurde festgehalten, dass der Entscheid von Wolf-Ulrich Klünker und Jost Schieren in seiner zugrundeliegenden Motivation nachvollziehbar ist – unabhängig von der Frage, ob man selbst so entscheiden würde: Es geht ihnen darum, durch ihre Mitarbeit bei der Zeitschrift ‹Steiner Studies› darin sachkompetente Darstellungen der Anthroposophie und damit einen wesentlichen Beitrag in der öffentlichen Diskussion des Werkes Rudolf Steiners zu ermöglichen. Ohne eine Mitwirkung anthroposophisch versierter Autor/inn/en käme es zu einer fachlich schlechteren und entsprechend abträglichen Vertretung des Werkes Rudolf Steiners in der Öffentlichkeit. Ob diese Hoffnung sich realisieren lässt, bleibt abzuwarten. Armin Husemann blieb auch nach dem Gespräch bei seiner Auffassung, dass eine Mitwirkung im Beirat der ‹Steiner Studies› nicht vereinbar mit der Redaktionstätigkeit für die Vierteljahresschrift ‹Anthroposophie› der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland sei.

Die gemeinsame Urteilsbildung zu den Fragen Anthroposophie und Wissenschaft sowie zu die Einschätzung zu Kritikern und bewusster Gegnerschaft soll im Rahmen der Freien Hochschule in geeigneter Form fort­gesetzt werden. | Für die Goetheanum-Leitung Christiane Haid, Georg Soldner, Johannes Wirz und Justus Wittich


Zusatz von Armin Husemann

Armin Husemann wünschte folgenden Zusatz: «Von Armin Husemann wurde vorgebracht, dass Helmut Zander in seinem Werk ‹Anthroposophie in Deutschland› auf wenigen Seiten Rudolf Steiner fünf Mal explizit Lügen vorwirft, die wörtlich als Zitate verlesen wurden. Zander kommt zu dem Résumé: ‹Wie mag es in einem Menschen aussehen, der sich in immer mehr Lügen flüchtet?› Er sieht Rudolf Steiner befangen in einer ‹Selbstverurteilung zur Unwahrheit› (S. 463).

In diesem kontroversen Kontext wurde von Georg Soldner die Frage an die Runde gestellt, wer im Kreis der Anwesenden nun die Auffassung der Petition von Friedwart Husemann teile, dass die mitgeteilte Entscheidung von Jost Schieren und Wolf-Ulrich Klünker, mit Helmut Zander in einem Beirat zu kooperieren, ihre Entlassung aus der Redaktion der Zeitschrift ‹Anthroposophie› notwendig mache. Dieses Begehren wurde – mit Ausnahme der Gegenstimme von Armin Husemann – abgelehnt.» | Armin Husemann, Ostfildern (DE)