Zusammenarbeit in Zeiten sozialer Isolation

Zusammenarbeit in Zeiten sozialer Isolation

20 September 2020 | Florian Osswald & Matthias Girke

Von 31. August bis 2. September fand die Herbstklausur der Goetheanum-Leitung in Frankreich und am Goetheanum – und dadurch zu unterschiedlichen Themenfeldern –statt: die Zeitsituation und ihre Konsequenzen für die anthroposophische Arbeit, Begegnung mit Mitgliedern in Frankreich, Berufsesoterik, Initiativen sowie Betriebsfragen.


Die September-Klausur begann im Elsass (FR) in einer nicht nur in Frankreich ausgesprochen anerkannten heilpädagogischen Einrichtung Beubois. Der besondere Tagungsort in der Nähe von Colmar führte uns zu Beginn der Klausur vor den Isenheimer Altar: Seine zentralen Motive berühren die Entwicklungsfragen des Menschen vor dem Hintergrund des Mysteriums von Golgatha.

Heilende Wirksamkeit der Meditation

Der Altar spricht dabei nicht nur von der Verwandlung des Menschen, sondern wirkt bis in die Heilungsprozesse der Erkrankten, die ihn aufgesucht haben und aufsuchen. Insofern verbindet sich die geistige Entwicklung des Menschen mit seinen Heilungs­kräften – eine Beziehung, die unmittelbar zur inhaltlichen Arbeit an der Berufsesoterik führte.

So hat der meditative Erkenntnisweg auch eine heilende Wirksamkeit; zu seiner michaelischen Qualität, die das geistige Wesen des Menschen zum Geistigen des Weltenalls führen möchte, fügt sich die raphaelische, welche durch den Geist gesundmachend wirkt.

Die inhaltliche Arbeit erhielt damit einen neuen Schwerpunkt. Im letzten Jahr stand die ‹michaelische Haltung› im Vordergrund, nun geht es um den michaelischen Erkenntnisweg der Anthroposophie und seine Beziehung zur alltäglichen Arbeit und zum Berufsleben. Wir kennen die Übungen, die von jedem Menschen individuell aufgegriffen werden können und von Rudolf Steiner in ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› (GA 10) beschrieben wurden. Dann gibt es für Berufstätige wie Ärzte, Heilpädagogen, Kranken­pfleger, Lehrer, Priester einen berufsbezogenen Erkenntnisweg. Es sind Medita­tionen, welche die praktische Arbeit vertiefen und zur verstärkten Wirksamkeit bringen. Für die anthroposophischen Ärztinnen und Ärzte entwickeln diese umfassenden Meditationen «in der Seele erst diejenigen Kräfte, die medizinisch wirken können» (GA 316, Vortrag vom 5. Januar 1924, 2008, Seite 71).

Ethisch-spirituelle Qualifikation

Unsere Berufe haben nicht nur eine äußerlich professionelle Qualifikation, sondern brauchen eine ethisch-spirituelle. So stellt das Heilen nicht nur eine wissenschaftliche Frage nach dem wirksamen Arzneimittel, sondern ebenso eine moralische nach dem für den Patienten Guten.

Während sich die berufszugehörigen Meditationen nicht nur an jeden einzelnen Menschen richten, sondern an die beruflich Tätigen in fachlichen Gemeinschaften, so hat der Erkenntnisweg der Ersten Klasse der Freien Hochschule eine menschheitliche Dimension. Er wird bis in das praktische Leben wirksam und kann zu Früchten im gesamtmenschheitlichen Zusammenhang beitragen.

Im letzten Jahr seiner öffentlichen Tä­tig­­keit legte Rudolf Steiner darüber hinaus Keime für die innere, esoterische Zu­sammen­arbeit verschiedener Berufsgruppen und auch Sektionen. So gibt es Meditationen, die gleichermaßen Lehrer und Ärzte verbinden, und einen ganzen Vortragszyklus, welcher der Zusammenarbeit zwischen Pries­tern und Ärzten gewidmet ist (GA 318). Die Arbeit an diesen Fragen des meditativen Erkenntnisweges ist gerade in einer Zeit zunehmender Virtualisierung und von Social Distancing besonders wesentlich: In Zeiten äußerer Isolation können sich dadurch innere Verbindungen und Brücken entwickeln, denn Anthroposophie «wächst nur auf dem Boden der Brüderlichkeit» (GA 211, Vortrag vom 11. Juni 1922, 2006, Seite 215).

Der Tagungsort im Elsass ermöglichte die Begegnung mit den Mitgliedern der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft aus dieser Region, die zum Beginn der Klausur eingeladen waren. Wir bewegten viele Fragen zur gegenwärtigen Situation anthroposophischer Initiativen in Frankreich und Gesichtspunkte zur Covid-19-Pandemie.

Unterschiedliche Perspektiven auf Corona

Die Covid-19-Pandemie war auch während der Klausur ein wesentliches Schwerpunktthema. Aus der Perspektive der verschiedenen Sektionen trugen wir Gesichtspunkte zu Sars-CoV-2 zusammen und verabredeten weitere Arbeitsschritte, die sich an die bereits erfolgte Buch-Publikation anschließen (‹Anthroposophie weltweit› Nr. 7–8/2020). Beispielsweise wurde eine Vortragsreihe mit Livestream-Übertragung vorgeschlagen, die sich mit der gegenwärtigen Zeitsituation und der Covid-19-Pandemie beschäftigt und unterschiedliche Perspektiven zur Darstellung bringt.

Mit großem Dank konnten wir auf die großartigen ‹Faust›-Aufführungen am Goetheanum zurückblicken: Andrea Pfaehler, Eduardo Torres und Nils Frischknecht hatten uns im Dornacher Teil der Klausur besucht und zusammen mit Stefan Hasler über ihre Erfahrungen und Einschätzungen berichtet. Es wurde beidseits eine große Wertschätzung und Dankbarkeit gegenüber diesem gelungenen Projekt geäußert, das in der Zeit des kulturellen Shutdowns eine große Theateraufführung ermöglichte. Das Zusammenwirken von Schauspiel, Sprache, Eurythmie, Musik, Bühnenbild, Kostümen und Beleuchtung führt in beeindruckender Weise zu einem ‹Gesamtkunstwerk›, das die Entwicklungsdramatik der faustischen Seele – auch in der gekürzten Form – intensiv erlebbar macht.

Als Goetheanum-Leitung blicken wir auf Tage der intensiven Arbeit zurück und sehen hoffnungsvoll den kommenden Herausforderungen entgegen.


Florian Osswald und Matthias Girke, Sprecher der Goetheanum-Leitung.