Brüderlichkeit – der Boden der Anthroposophie

Brüderlichkeit – der Boden der Anthroposophie

31 Januar 2019 | Matthias Girke

Brüderlichkeit ist ein Schlüssel für eine wirksame anthroposophische Arbeit. Sie verbindet verschiedene Ebenen der geistigen Arbeit, ausgehend von der individuellen Aktivität über das Zusammenwirken mit anderen Menschen bis hin zum Realisieren einer Gemeinschaft im Geistigen.


Die Entwicklung der Anthroposophie hat ihre Bedingungen. So ist für ihr Wachsen die Brüderlichkeit erforderlich: «Bei Anthropo­sophie muss man sagen: Sie wächst nur auf dem Boden der Brüderlichkeit, sie kann gar nicht anders erwachsen als in der Brüderlichkeit, die aus der Sache kommt, wo der einzelne dem anderen das gibt, was er hat und was er kann.» So charakterisiert es Rudolf Steiner 1922 in ‹Anthroposophie als ein Streben nach Durchchristung der Welt› (GA 211). Warum bedarf es für einen auf Erkenntnis angelegten Entwicklungsweg der Brüderlichkeit?

Drei Stufen geistiger Arbeit

Der Erkenntnisweg beginnt mit der individuellen Aktivität. Damit ist eine Gefahr verbunden: Wenn sich der eigene Erkenntniszugang zu einer Fragestellung oder einem Thema als der einzig mögliche ‹absolutiert›, entstehen sofort Einseitigkeiten. Es bilden sich abgegrenzte ‹Schulen› und Denkgewohnheiten, die ihre Gesinnungsgenossen und Anhänger finden. Und schon entsteht sektiererische Abgrenzung und Isolation. Im menschlichen Organismus zum Beispiel bedeutet jede Art von Desintegration die Entstehung von Krankheit, wie umgekehrt die ‹Reintegration› mit dem Heilen und Gesunden verbunden ist. Im sozialen Zusammenhang entsteht aus der Vereinzelung entsprechend eine Art ‹Krankheit›, die sich schwächend auf die Menschengemeinschaft auswirkt.

Anthroposophie kann auf einem der­artigen Boden nicht wachsen. Für ihre Entwicklung braucht sie den wechselseitigen Austausch, den Dialog, das Gespräch. Erst durch die lebendige Begegnung mit dem anderen Menschen können Einseitigkeiten überwunden werden und sich die Arbeits­ergebnisse in einen größeren Zusammenhang stellen. Dann kann es in der Begegnung mit dem anderen Menschen zu einem Erwachen an seinem seelischen und geistigen Wesen kommen.

Während in der individuellen Erkenntnis­bemühung eine Engelqualität wirksam wird und als Geistesbote fruchtbare Gedanken und Ideen inspiriert, so wird mit der Erkenntnisgemeinschaft die Wirksamkeit der Erzengel betreten. Hierdurch wird eine Stufe erreicht, die über die einzelne Erkenntnis­bemühung hinausreicht und damit eine größere Mächtigkeit bekommt. Für diese Form der Arbeit ist die richtige Frage und nicht die ‹überzeugende› Mitteilung wesentlich. So kann der Fragende bei den angebotenen Antworten meistens gut entscheiden, ob diese wirklich seine Frage beantworten oder eben noch nicht diese Qualität erreichen. In diesem Sinne ‹weiß› der Fragende unter­bewusst oftmals schon die Antwort, und seine Frage ist wie ein Sinnesorgan, das dann die Antwort als zutreffend wahrnimmt oder eben nicht.

Aus einer gemeinsam gefundenen Erkenntnis entwickeln sich Freude und Dankbarkeit. Der Geist weht zwischen den Menschen und wird in ihrer Gemeinschaft wirksam. Es wird dadurch eine dritte Stufe erreicht: die Geistesgegenwart in der Gemeinschaft und ihre Wirksamkeit im Leben. Es ist ein kleines Abbild des Pfingstereignisses, das sich realisiert, wenn zwei oder mehr in einem Namen versammelt sind. Aus diesem Geist können freie Handlungen erfolgen. Mit dieser Stufe wird die Wirksamkeit der Geister der Persönlichkeit erreicht. Der Geist wird im Leben als Zeitgeist wirksam. Anthroposophie wächst auch vor diesem Hintergrund nur auf dem Boden der Brüder­lichkeit.

Erkenntnis und Gemeinschaftsbildung

Keine der drei Stufen ist verzichtbar. So kennen wir in der anthroposophischen Bewegung sehr unterschiedliche Vorgehens­weisen, die jeweils ihre spezifische Berech­tigung haben, wenn sie transparent ihren Zugangsweg darstellen. Sie werden aber nur dann zu einem fruchtbaren ‹Wachsen› der Anthroposophie führen, wenn sie in die zweite Stufe eintreten, also diejenige der Brüderlichkeit, des Dialogs. Konflikte entstehen oftmals durch fehlende Entwick­lungen in diesen Schritten zur Brüderlichkeit.

Ob Pädagogik, Landwirtschaft, Medizin oder auch Kunst: Aus einer gemeinsamen Quelle der Anthroposophie entstehen die fruchtbaren Entwicklungen in den Lebens­feldern. Wenn sich die Arbeiten der verschiedenen Sektionen noch intensiver verbinden, kann auch hier von der Engel­perspektive zu derjenigen der Erzengel aufgestiegen werden. Denn auch hier wächst die Arbeit nur auf dem Boden der Brüderlichkeit. Die Herausforderungen der Gegenwart verlangen das Zusammenwirken der Sektionen. So braucht die gesunde Entwicklung des Kindes ein abgestimmtes Wirken unter anderem von Pädagogik, Ernährung, Kunst und Medizin. Erst dann kann sich die Strahlkraft der Anthroposophie als Antwort auf die zivilisatorischen Nöte kräftiger entfalten.

Deswegen ist die Arbeit in der Freien Hochschule mit ihren Sektionen als eso­terische Quelle mit ihrer wissenschaft­lichen und lebenspraktischen Wirksamkeit verbunden. Der Geist wird dadurch prak­tisch und gegenwärtig wirksam und wirkt als Zeitgeist bis in die Lebensfelder der Gesellschaft.